Welt der Lager

Zur „Erfolgsgeschichte“ einer Institution

Hamburger Edition 2013    359 S.

GREINER, Bettina u. Alan KRAMER

Welt der Lager

Überschriften der 13 Einzelbeiträge:

Alan Kramer: Einleitung

Andreas Gestrich: Konzentrationslager: Voraussetzungen und Vorläufer vor der Moderne

Andreas Stucki: Streitpunkt Lager. Zwangsumsiedlung an der imperialen Peripherie

Claudia Siebrecht: Formen von Unfreiheit und Extreme der Gewalt. Die Konzentrationslager in Deutsch-Südwestafrika, 1904-1908

Heather Jones: Eine technologische Revolution? Der erste Weltkrieg und die Radikalisierung des Kriegsgefangenenlagers

Felix Schnell: Der Gulag als Systemstelle sowjetischer Herrschaft

Marc Buggeln / Michael Wildt: Lager im Nationalsozialismus. Gemeinschaft und Zwang

Sara Berger: Die Vernichtungslager der “Aktion Reinhardt”. Ein Zusammenspiel von

“T 4″-Erfahrungen, Lagerstrukturen und Besatzungspolitik

Javiar Rodrigo: Der Faschismus und die Lager in Spanien und Italien

Utsumi Aiko: Soldaten und Zivilisten in japanischer Gefangenschaft während des Pazifikkriegs, 1941-1945

Bettina Greiner: Die Speziallager des NKWD in Deutschland, 1945 – 1950, Annäherung an ein vermintes Terrain

Moritz Feichtinger: “Concentration Camps in all but name”? Zwangsumsiedlung und Counterinsurgency, 1950-1970

Bernd Greiner: Die Abschaffung der Lager. Lektionen nach zehn Jahren “Anti-Terror-Krieg”. Zu dessen Beitrag: 

 

 ”Unsere Regierung ist der große, der allgegenwärtige Lehrmeister. Im Guten wie im Schlechten ist sie dem ganzen Volk ein Vorbild. Verbrechen ist ansteckend….”

(Louis D. Brandeis, 1916 bis 1939 Richter am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten von Amerika)

“Es ist jetzt klar, dass wir es mit einem unversöhnlichen Feind zu tun haben, der die Weltherrschaft erlangen will….In einem derartigen Spiel gibt es keine Regeln. Bis dato akzeptierte Normen menschlichen Verhaltens haben keine Gültigkeit mehr…”

Alberto Gonzales, zit. n. Seymour M.Hersh, Die Befehlskette. Vom 11. September bis Abu Ghraib, Reinbek, 2004 S.23

 

Mit der Gegenüberstellung dieser beiden Zitate (hier stark gekürzt v.m.) elektrisiert Greiner von Beginn an. In seinem Beitrag geht es nicht nur um Guantanamo, sondern auch um ungezählte “black sites” in etlichen Ländern, zu denen das Rote Kreuz nie zugelassen wurde. Greiner fragt, wie es der Regierung Bush gelingen konnte, binnen weniger Wochen die Grundsätze nationalen und internationalen Rechts von Internierten aufzukündigen -  und es gab doch mal ein unhintergehbares Verbot der Folter? Ausgeleuchtet werden die Rollen von Rumsfeld und Cheney. Greiner bespricht insgesamt den “Frontalangriff auf das Rechtsverständnis der westlichen Moderne” und zeigt auf, wie die wesentlichen Entscheidungen hinter dem Rücken der zuständigen Ressorts fielen. Colin Powell hatte gewarnt vor “jenem unüberschaubaren und moralischen Flurschaden”, der inzwischen weltweit eingetreten ist.

Seitenweise geht es um Folter, um das Einsperren in Käfige, um Nacktheit, mit der psychisches Unbehagen erzeugt werden soll (“und die Gefangenen sollen wissen, dass sie in nacktem Zustand von Frauen betrachtet werden”). Es wird genau beschrieben, wie gefoltert werden soll: “Eine einzelne Anwendung von Wasser darf nicht länger als 40 Sekunden dauern…..Der Stuhl ist zu klein, um sein Gewicht ausbalancieren zu können und schlafen zu können……Nackte Gefangene tragen Windeln.” Es klänge wie eine Anleihe bei Betriebsanleitungen für Kaffee- und Waschmaschinen… Berichtet wird von speziellen Varianten des Kälteschocks und von Vernehmerinnen, die mit entblößten Brüsten gefesselte Häftlinge im Intimbereich abtasteten und rote Flüssigkeit – ausgegeben als ihr eigenes Menstruationsblut – den Gefangenen übers Gesicht schütteten…

Am Ende kommt Greiner dann zu den soganannten “kill missions”. Da geht es um präventives Töten, “signature strikes” gleich gegen ganze Gruppen junger Männer. Der Leiter der Antiterrorismus-Abteilung bei der CIA:

“Wir töten diese Hurensöhne schneller, als sie nachwachsen können.”

Wer Argumente dagegen sucht, daß man noch in der NATO bleibt und mit Amerika verbündet, der findet sie in diesem Artikel zuhauf. Es war der ehem. Staatssekretär Wimmer, der neulich in Berlin zu heutigen westlichen Werten bemerkte: “Da dreht sich einem der Magen um.”

 

Inhaltliche Zusammenfassung

Lager als Orte von Ein- und Ausgrenzung sind nach wie vor ein weltumspannendes Phänomen, dazu gab es im April 2011 in Berlin eine Fachtagung. Es sind die Ergebnisse von dreizehn Expertinnen und Experten dieser Tagung, die hier in Hamburg September 2013 veröffentlicht wurden. Dabei geht es um die Frühe Neuzeit bis hin zu Guantanamo:

Menschen werden eingesperrt, nicht weil sie Unrecht oder eine Straftat begangen haben, sondern dafür, was sie in ihrer Existenz, in ihrem Denken und in ihrer Herkunft seien, schreibt der Autor der ungewöhnlich langen Einleitung. Es geht also um Verdeutlichung der “imperialen. nationalen, rassistischen, ideologischen, hierarchischen und diktatorischen Denkansätze und Höherwertigkeitsvorstellungen” die zu Lagersystemen führten. Es geht um Isolierung, Umerziehung, nur manchmal auch um Ausbeutung von Arbeitskraft, oft um Umgestaltung von Gesellschaften und Vernichtung von “schädlichen Elementen”.

Das Buch ist sehr sorgfältig ausgestaltet worden, auch mit nachdenklich machenden Fotos.

Da ich in der Nähe des Hamburger Instituts für Sozialforschung und des herausgebenden Verlages wohne, stöber ich dort öfter und den Band habe ich gleich mitgenommen, vor allem wegen des Beitrages von Bernd Greiner, dessen Inhalt in unserer Gegenwart immer noch Thema ist, gegen alle Ankündigungen des US-Präsidenten

 

Entdeckte Rezensionen

Soweit zu sehen, ist erst eine ausführlichere Rezension da, das Buch ist ja gerade erst erschienen:

socialnet.  Jos Schnurer  16.12.13  (eingeben mit Buchtitel zusammen)

Der ehemalige Lehrbeauftragte an der Universität Hildesheim Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, hat eine sehr ausführliche Besprechung vorgelegt, in der er zunächst zum Entstehungshintergrund und Herausgeberteam etwas sagt und inhaltlich dann auf jeden der dreizehn Beiträge einzeln eingeht, da hat er sich aber wirklich Mühe gemacht! Vorschlag: Die Rezension aufrufen und nachsehen, was in den Einzelbeiträgen, die oben angeführt sind, steckt.

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