Schmutzige Kriege

Amerikas geheime Kommandoaktionen

Verlag Antje Kunstmann München 2013  720 S.

SCAHILL, Jeremy

Schmutzige Kriege

Wichtige Passagen

Nach dem Prolog werden auf rund 600 Seiten  dem Leser exakt 50 eindringliche Berichte von dem mörderischen Treiben geboten, die man einen nach dem anderen zur Kenntnis nehmen kann, wenn einem auch die Wucht dieser Geschichten manchmal die Sprache verschlägt, so etwa, wenn der muslimische Prediger Anwar al-Awlaki und sein 16-jähriger Sohn in getrennten Drohnenattacken getötet werden, obwohl ihnen keine Straftat zur Last gelegt wurde. (Mörder werden normalerweise bestraft, es sei denn, sie töten zum Klang von Trompeten, sagte schon Voltaire).

Der abschließende Epilog behandelt den “Permanenten Krieg”, den ja auch William Polk in “Aufstand” befürchtet, ebenfalls ein ganz wichtiges Buch in unserer Bibliothek.

Von den 50 Kapiteln werden hier mal 5 eindrucksvolle benannt:

3. Finden, Festnageln, Fertigmachen: Der Aufstieg des  JSOC, Washington 1979-2002

21. “Wenn Ihr Sohn nicht zu uns kommen will, wird er von den Amerikanern umgebracht” Jemen 2007 – 2009

30. “Wenn sie unschuldige Kinder töten und sie Al-Qaida nennen, dann sind wir alle          al-Qaida”  Washington und Jemen 2009

42. Die Festung in Abbottabad, Pakistan 2011

45.”Die USA betrachten al-Quaida als Terrorismus und wir betrachten die Drohnen als Terrorismus.”  Jemen, Ende 2011

Es bleibt danach die quälende Frage: Wie soll ein solcher Krieg jemals enden? Hochrangige Regierungsvertreter sagen voraus, dass das Programm der gezielten Tötungen noch mindestens zehn weitere Jahre fortbestehen werde. Unter dem Vorwand, die nationale Sicherheit zu schützen, wird das Tötungsprogramm weitgehend vor der Öffentlichkeit geheim gehalten. Sind diese USA, mit denen wir verbündet sind, noch sie selbst?

Inhaltliche Zusammenfassung

Scahill erzählt in dieser packenden Reportage, wie es dazu kam, dass Mord zu einem zentralen Instrument der amerikanischen Sicherheitspolitik geworden ist. Er führte zahlreiche Interviews in Pakistan, Jemen und Somalia mit CIA-Agenten, Söldnern und Spezialkräften, aber auch mit zivilen Opfern. Diese Spezialkräfte führen weltweit tausende Einsätze im Monat durch, die nie ans Licht der Öffentlichkeit gelangen. Nicht nur der Autor fragt sich, ob diese Mordmaschinerie nicht eher den Terror anheizt, als vor ihm zu schützen, ob hier nicht eine neue Generation von Feinden herangezüchtet wird.

Es war der Wille unseres Vorstandes, dass dieses Buch wegen des bevorstehenden NATO-Seminars des Darmstädter Signals im März 2014 in Würzburg schnellstmöglich hier eingestellt wird. Wem diese 50 Geschichten aber zuviel sind, hat zur gezielten Vorbereitung bis zum 21. März eine hochinteressante Alternative: Die BLÄTTER FÜR DEUTSCHE UND INTERNATIONALE POLITIK Heft 1/2014 bringen einen ausführlichen Artikel dieses Autors mit 31 Fußnoten auf 11 Seiten, eher nüchtern faktengestützt wissenschaftlich, also keine Geschichten. Titel lautet: Geheim und schmutzig: Obamas “intelligenter Feldzug” Die Zwischenüberschriften lauten:

John Brennan: Spielregeln für das Töten- Gezieltes Töten als “Akt der Selbstverteidigung” - Obamas “intelligenter” Drohnenkrieg - Töten ohne Beweise - Die Stunde der Spezialeinheiten - Die Vertiefung des Krieges oder: Obamas gebrochenes Versprechen -

Die Produktion einer neuen Generation von Feinden - Die Ära des schmutzigen Krieges -

Krieg ohne Recht?

Entdeckte Rezensionen

Die üblichen Rezensionen der großen Blätter sind offenbar noch gar nicht da, werden aber noch kommen. Das Buch ist ja gerade erst erschienen und war hier in Hamburg teilweise tagelang vergriffen. Entdeckt:

WDR 5 David Goeßmann “Wenn der Staat unkontrolliert tötet”  14.10.13

ZEIT online 28.11.13: “Amerikas heimliche Morde”

taz 07.11.13 Jan Scheffer: Die Strafen der Guten

BERLINER ZEITUNG 28.10.13: Interview Daniel Haufler mit dem Autor (“Richter, Henker, Imperator”)

In der FAZ vom 03. Februar 2014, Wilfried von Bredow schreibt unter dem Titel “Risiken und Nebenwirkungen” darüber, wie Amerikas Krieg gegen den Terrorismus auch unbändigen Hass hervorruft. Umfangreich, eine Viertelseite, schon wie ein eigener Artikel,  Aufrufen im Netz wird bald möglich sein, lohnt unbedingt!!!

Hier gehts zur ganzen Rezension von Wilfried von Bredow: Risiken und Nebenwirkungen

Rezensent v. Bredow in Kurzfassung:

Nicht nur mit ihrer über den Globus sich erstreckenden Überwachung des Internets hätten die USA Zorn und Fassungslosigkeit erweckt, noch imperialer sei ihr Auftreten als Kriegspartei gegen den Terror. Die Kollateralschäden wögen inzwischen schwerer, als die anfänglichen Siege in den Kriegen in Afghanistan und Irak.

Scarlitt ginge es nicht nur um die Nachzeichnung der Kommandounternehmen. Ihn interessiere dreierlei: ERSTENS die organisatorischen Veränderungen des US-Sicherheitssektors um  CIA und JSOC, ZWEITENS die ideologischen, rechtlichen und technischen Entwicklungen, die zur Praktizierung von gezielten Tötungseinsätzen als Zentralelement der nationalen Sicherheitspolitik Amerikas geführt hätten und DRITTENS die Konsequenzen dieser Form asymmetrischer Kriegführung für die Betroffenen und die internationale Sicherheit. Wilfried von Bredow ist der Ansicht, die Bilanz falle in allen drei Bereichen erschreckend aus.

Die gezielten Tötungen träfen immer mehr nicht identifizierte Verdächtige und oft die Falschen. Die Konsequenz solcher Vorkommnisse sei verheerend, denn sie würden genau das produzieren, was sie eigentlich ausmerzen wollen, unbändigen Hass auf Amerika und seine Verbündeten und die Bereitschaft zum Kampf mit allen terroristischen Mitteln.

Man könne nur hoffen, dass Scarlitts haarsträubenden Berichte dazu beitrügen, die dringend benötigte Debatte über die Negativdynamik der fragwürdigen und katastrophal dysfunktionalen Strategie der asymmetrischen Kriegsführung Amerikas in Gang zu bringen.

Und das sehen wir Mitglieder des Darmstädter Signals absolut genauso!

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