Ruhet in Frieden, Soldaten

Wie Politik und Bundeswehr die Wahrheit über Afghanistan vertuschten

Fackelträger Verlag Köln 2010, 218 S.

Reichelt, Julian / Meyer, Jan

 

Wichtige Passagen

Ein Hauptgefreiter in Kunduz sagt: “Dieses ganze Ausbildungsgequatsche ist mir doch scheißegal. Das könnt ihr so schreiben. Die wollen uns umbringen und ich will einfach nur heil nach Hause. Ey, aber ohne Namen. Sonst krieg ich echt Streß.“ (S. 55)

Der Stabsunteroffizier sagt: “Die meisten Leute in Deutschland sagen doch, Afghanistan, selber schuld, wer da hingeht. Ich sage mir, wieder 110 Euro Zulage (Auslandsverwendungszuschlag), fünf Zwanziger, ein Zehner. So seh ich das.“ (S. 119)

Der deutsche Offizier sagt: „Wenn der einfache deutsche Soldat wirklich durchdringen würde, was in diesem Einsatz vor sich geht, dann würde er uns einen Vogel zeigen, seine Sachen packen und nach Hause fahren.“ (S. 131)

Selbst der ranghöchste deutsche General im Einsatzgebiet hatte niemanden, den er zu den Eigenarten des Landes befragen konnte (S. 166).

Die Durchsetzungsfähigkeit deutscher Interessen leidet massiv unter den mangelnden Sprachfähigkeiten (S. 167). Aber genau Sprachfähigkeit in den Landessprachen wäre nötig, um die Strategie der ISAF umzusetzen.

 

Inhaltliche Zusammenfassung

Zwei Reporter der BILD-Zeitung schildern, wie ignorante Politiker und überforderte Generale jahrelang die Wahrheit über den Krieg in Afghanistan vertuschten. Die Folge: Zutiefst verunsicherte und frustrierte Soldaten. Aus deren Mitteilungen und von ihren Behauptungen: Viele Karriereoffiziere des Ministeriums seien gar nicht kriegsfähig, da sie verinnerlicht hätten, dass Überbringer schlechter Nachrichten nicht befördert würden (S. 19). Nur wenige hätten tieferes Verständnis vom Geist der Truppe.

Wenn Soldaten nicht mehr wissen, für welches übergeordnete Ziel sie kämpfen, lässt sich ein komplexer Krieg nicht mehr dauerhaft führen (S. 177).

Dieses Buch handelt von einer Geschichte des Wegsehens und Vertuschens, von jungen Soldaten, die mangelhaft ausgebildet in einen tückischen Guerillakrieg geschickt wurden. Es handelt von irrsinniger Bürokratie in einem Kriegsgebiet, für die deutsche Soldaten sich von ihren Alliierten verhöhnen lassen müssen. Es ist die Geschichte eines verlorenen Jahrzehnts (S. 21).

Die Soldaten versuchen, sauber und halbwegs intakt aus einem Krieg zurückzukehren, während das Ministerium noch immer als größtes, schmutziges Schlachtfeld politischer Intrigen gilt (S. 181), wo viele Generale und Verteidigungsbeamte sich v.a. für die Verteilungskämpfe der nächsten Strukturreform wappnen.

Der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan geht einem Ende entgegen, den man uns wie auch immer begründet als Erfolg verkaufen wird. Wie aber soll die Bundeswehr nach Afghanistan aussehen? Jetzt, jetzt erst wird die Sinnsuche wirklich beginnen.

Das Buch liest sich spannend, flüssig, ist insgesamt überzeugend. Guttenberg war bei der Buchvorstellung im Café Einstein, Unter den Linden, Berlin dabei. Er kam mit dem Fahrrad.

Er hatte sich gefragt, ob er sich dafür zur Verfügung stellen solle, schließlich hätten ihm die Autoren mit ihrer Berichterstattung über den Luftschlag einen „sehr ruhigen Herbst“ verschafft, was er ironisch meinte. Aber nun lobte er das Buch doch, er kommt ja im Gegensatz zu seinem Vorgänger Jung oder Generalinspekteur auch gut weg darin.

 

Entdeckte Rezensionen

FAZ „Augen rechts! Und durch?“, Rainer Blasius, 14.07.2010 (Höchst lesenswert!)

SZ „Das leidige K-Wort. Guttenberg lobt ein Buch über den Krieg in Afghanistan“, Peter Blechschmidt, 15.07.2010

 

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