Promenade in Jalta

Und andere Städtebilder

Hanser Verlag München 2001

SCHLÖGEL, Karl

Promenade in Jalta

Wichtige Passagen

Vorschlag: Buch mal in die Hand nehmen, Städte überfliegen, das eine oder andere geht einem nicht mehr aus dem Kopf! Dann versehe man die Deckeltasche seines kleineren Rucksacks mit den aus dem Buch kopierten Seiten der gewählten Stadt und los gehts. Ob man den Flieger nimmt, den Bus oder z.B. mit der Bahn in die Ukraine fährt (das Erlebnis Umsetzen der Waggons auf die russische Breitspur allein ist sowas schon wert, und auch um mal zu sehen, welche wirklichen Berge von Schmuggelzigaretten die Zöllner bei der Rückreise hinter den Verkleidungen der Waggons herausholen), das muss man sich mal überlegen.

In den letzten Jahren bin ich nicht weniger als acht Anregungen Schlögels gefolgt und habe keine davon bereut:

Wilna – Horror einer schönen Stadt

Es gäbe Städte, denen auf dem Wege der Orts- und Reisebeschreibungen nicht beizukommen sei, das Wissen über sie stünde in Aufzeichnungen verbrannter Menschen und nie abgeschickten Briefen. Wilna sei so eine Stadt. Als die Deutschen kamen, gab es 80.000 Juden. Schlögel bietet uns das Vernehmungsprotokoll eines der Überlebenden des Ghettos vom 27.02.46, da ist von Blutströmen die Rede, die die Straßen entlangliefen, als wäre roter Regen heruntergekommen. Es wird berichtet, wie die Sonderkommandos in die Häuser hineinbrachen, wie aus den Spitälern Greise und Kranke wie Holz in die Wagen geworfen wurden, eine ganze Altstadt als Schlachthaus. Die Türme der vielen Kirchen und Klöster hätten alles gesehen, schreibt Schlögel 1988 über die Stadt, in der die Frömmigkeit aufgegipfelt sei. Das Gebiet der Altstadt, da, wo sich das Ghetto mit den Gassen, Treppen, Torbögen und Durchgängen befand, wirke leer. Ich war 2013 im “Jerusalem des Ostens”. Die Stadt heisst inzwischen Vilnius. Das Gebiet des Ghettos nahe der Altstadt hat sich bis heute nicht von dem Geschehen erholt. Hinfahren mit der Bahn über Warschau, auch Kaunas lohnt sich hier thematisch, wer die Zeit hat.

Lemberg – Hauptstadt der europäischen Provinz

Die Bahnhofshalle wirkt so groß wie eine Kathedrale, wenn man mit dem Zug eintrifft, z.B. aus Polen. Bis heute bestimmen die repräsentativen Bauten aus der k.u.k. Zeit das Gesicht

von Lviv bzw. Lwow. Schlögel schwärmt, man bewege sich in einem Gehäuse, dem man die Arbeit von Handwerkerdynastien ansehe, deren Goldschmiedearbeiten bis nach Konstantinopel und Nürnberg gelangten. Lwow war ukrainisch, ungarisch, moldauisch, polnisch, österreichisch, russisch, deutsch, sowjetisch. Griechen, Ungarn, Bulgaren, Rumänen, Italiener, Armenier leben hier heute noch. Lemberg war eine der ersten Städte, die nach dem Angriff auf die Sowjetunion in deutsche Hand fiel, die Stadt war damals voll von Flüchtlingen, die sich gerade aus Polen hierher gerettet hatten und die sowohl in Hitlers wie auch Stalins Augen unzuverlässig waren. Tausende wurden in letzter Minute vom NKWD liquidiert. Das heutige Lviv ist das Lviv nach der Katastrophe, die heute dort leben, sind DANACH gekommen, die öffentlichen Plätze zählen zu den schönsten in Europa. Für die Ukraine reicht der Reisepaß. (Tip für diese Stadt: zusätzlich mitführen: Reise know how Ukraine – Der Westen)

Czernowitz – City upon the hill

Das ist eine der herrlichsten Städte Europas, in einem Atemzuge nennbar mit Lemberg, Budapest, Triest und Krakau. Schlögel schrieb über die Stadt 1988 und meinte, die Reise dorthin verlange eine Umstellung der inneren Uhr, sonst verliere man die Nerven. (Das ist inzwischen einfacher). Das Czernowitz, wie es die Habsburgermonarchie hinterlassen hatte, wären die Gebäude einer Kolonialstadt, schreibt der Autor, mit einer Kathedrale, die sich an der Isaakskathedrale in Petersburg orientiert haben soll. Die Bukowina ist noch 1918 Teil des Habsburgerreichs, danach fällt sie an Rumänien. Im Juni 1940 rücken sowjetische Truppen nach einem Ultimatum ein! Ein Jahr später im Zuge des Angriffs auf die UdSSR marschieren die Rumänen mit Hilfe deutscher Kommandoeinheiten wieder ein. Am 29. März 1944 kommen die Sowjets zurück, ein Erinnerungsbild verdrängte das andere, schreibt Schlögel, der daran erinnert, dass diese Stadt mal fünf deutsche Tageszeitungen besaß. Wer es auf eine Stadt abgesehen hätte, fertige genaue Karten an. Die Nazis hätten solche gehabt, die könne man sich in der Staatsbibliothek Berlin noch besorgen: Stadtplan von Czernowitz, Anlage zur Militärgeographischen Übersicht über das Europäische Rußland, Mappe F II, Ukraine, mit Moldau-Republik und Krim. Ausgabe IX, 1941. Sonderausgabe! III.41 Nur für den Dienstgebrauch! Wer so eine Karte hätte, mit eingekreisten Synagogen und Kirchen…..

“Es geschah in weniger als drei Jahren, dass aus Czernowitz eine andere Stadt wurde, auch wenn die Straßenzüge und die Fassaden, die Plätze und die Häuser noch dieselben sind.”

Lodz – Suche nach dem Gelobten Land

Es ist nur ein paar Eisenbahnstunden von Berlin entfernt, dieses “Manchester des Ostens” im 19. Jahrhundert. Mit der Bahn Richtung Warschau, umsteigen in Kutno. Bei den Nazis hieß es Litzmannstadt. Ich war vor einem halben Jahr da und hatte im heutigen Grand Hotel in der Piotrkowska-Strasse ein Zimmer gebucht, zugewiesen wurde uns dann eine großzügige Suite des Hauses, das mal der “Fremdenhof General Litzmann” in der Adolf-Hitler-Straße war. Das hab ich aber erst in Schlögels Buch erfahren. Lodz wurde am 08.09.39 von den Deutschen besetzt, von der Viertelmillion Juden waren 1945 noch 800 in der Stadt. Wer wohl alles in der Zeit dazwischen in dieser wunderschönen bestuckten Suite mit 2 Balkonen logierte? Ein Gemach wie für einen Generalinspekteur. Die ganzen Tage dachten wir daran. Das vier Quadratkilometer große Ghetto mit 160.000 Menschen wurde in vier Großdeportationen zwischen 1942 nach Chelmo und August 1944 nach Auschwitz “geräumt”. Wer in dieser Suite schlief, hatte der das womöglich mit zu organisieren?

Was nach einem Besuch in der Erinnerung bleibt: Diese vielen großen Backstein-Fabrikgebäude, die von der großen Metropole der früheren Textilindustrie künden, die Fabrikanten kamen auch aus dem Rheinland und aus Sachsen, all das beschreibt Schlögel genau und auch, wie sich wie im Reagenzglas der Übergang von der Handweberei zur Manufaktur vollzog, er beschreibt jene Revolution, die mit Einführung der Dampfmaschine und des mechanischen Webstuhls kam. “Theo, wir fahrn nach Lodz”, Schlager der sechziger Jahre. Aber Lodz gibt es wirklich.

Ach Odessa. Eine Stadt in der Zeit großer Erwartungen  (geschrieben 2000)

Alle Bilder kreisen um die große Treppe aus Sergej Eisensteins Film “Panzerkreuzer Potjomkin”, Schlögel führt in die Stadt ein mit “einer der grandiosesten Szenen der Filmgeschichte”. Dann kommt er gleich zu Katharina der Großen, die die Anlage der Stadt an der Stelle einer türkisch-tatarischen Festung verfügte. Odessa war eine Vielvölkerstadt, wie man sie sonst kaum auf dem Kontinent finden konnte, es wurde auch zum Zentrum der “Schwarzmeerdeutschen” Der Autor beschreibt die gewaltsamen Brüche der Stadt, Erster Weltkrieg, Revolution, Bürgerkrieg, Repressalien der 30er Jahre, Terror während des Zweiten Weltkriegs und danach die Abschließung von der großen weiten Welt.

Die 100.000 Juden Odessas traten an zum Todesmarsch in die transnistrischen Lager, wo sie durch Seuchen oder die Einsatzkommandos umkamen.

Heute ist Odessa eine schnelle Stadt der Strände, der Sanatorien, der Gebäude des Jugendstils. Hier kreuzen sich die Handelsrouten zwischen Dnjepropetrowsk und Istanbul, zwischen den Vereinten (sic!) Emiraten und Kiew, zwischen Lodz und dem Kaukasus. Neuerdings käme viel Ware aus Indien. Odessa sei längst wieder eine Stadt der Levante.

Als ich vor 5 Jahren da war – Anregung durch dieses Buch! – ließen die alten Hotels noch eine Spur des Charmes der Ahnung früherer Zeiten erkennen: abgelöste Tapeten, sicher aus der Zeit vor WK I und wellenförmig verformtes Parkett, sehr hohe Räume mit schweren, düsteren Vorhängen, alles ganz alte Herrlichkeit. Und alles ganz billig.

Anreise am besten mit dem Nachtzug, Reisezeiten nicht unterschätzen!

Promenade in Jalta   (geschrieben 2000)

Schlögels erster Satz: “Auch Rußland hat sein Land, wo die Zitronen blühn” Die Geschichte des modernen Jalta beginne mit der Eroberung der Krim durch Katharina der Großen, die ganze Südküste wurde damals den Würdenträgern des Kaiserreichs zum Geschenk gemacht. Hier begegnen sich die Karawanen, die vom Meer kommen und jene der Steppe, schreibt der Autor. An der traumatischen Geschichte der Krim hätten Deutsche keinen geringen Anteil, Hitler wollte die “Krim leeren”, um Platz für eigene Siedler zu machen, sogar eigene Namen hatte man für Simferopol und Sewastopol sich schon ausgedacht: Gotenburg und Theoderichshafen. Die Einsatzgruppe D unter Otto Ohlendorf tötete unter den Augen der 11. Armee (von Manstein) die rund 60.000 auf der Krim lebenden Juden. Die Krim, wie wir sie heute sähen, schreibt Schlögel, sei Teil einer Reichsgeschichte Rußlands und der Sowjetunion. Gut möglich, daß jetzt im Februar 2014 vor allem die Krim mit dem Kriegshafen Sewastopol noch Auslöser für alles Mögliche wird.

Das kann sich ja durchaus noch zum schwersten Konflikt zwischen Ost und West nach dem Untergang der UdSSR entwickeln (FAZ 20.02.14 Günther Nonnenmacher: In der Sackgasse, FAZ 26.02.14 Nikolas Busse: Ukrainische Szenarien). Aber Europa ist keine Weltmacht und Amerika ist ratlos. Die NZZ (Cyrill Stieger) schrieb am 24.02.14 unter “Ein zerrissenes Land” auch über den Sonderfall Krim. Hier bilden nämlich die Russen eine Mehrheit. Der Vertrag für die Schwarzmeerflotte gelte nach der Verlängerung 2010 (unter Widerstand der Opposition)  jetzt bis 2042!

Russische Organisationen haben schon einen neuen Volksentscheid über die Zukunft der autonomen Republik gefordert. Abwarten. Wer kann, nur momentan wohl abzuraten, hinreisen. Man kann als geschichtsbewußter Offizier die Konferenzräume (Februar 1945) von JALTA einschließlich des Runden Tisches besichtigen (an dem Roosevelt, Churchill und Stalin saßen) – und man staunt über manches Kamel als Nutztier. Und ich habe glückliche Tataren getroffen, die nach ihrer Deportation nach Zentralasien wieder zurückdurften und sagten: “Jetzt ist alles gut!”

Das Buch regt dann noch an z.B. zum Besuch der Kurischen Nehrung, da bin ich Schlögels Spuren im Winter auf Schneeschuhen und Zelt bis zum Hause Thomas Manns gefolgt, man hat dann die Nehrung für sich, dolle Sache. Er schreibt dann auch über die Oder, Strom zwischen den Zeiten. Auf die Oder falle der Zauber Schlesiens.

 

Inhaltliche Zusammenfassung

Was das Buch hier zu suchen hat? Das Leben des Offiziers kann doch nicht nur aus Transformationen und Neuausrichtungen bestehen. Seit 1989 gehört eine Welt zu uns, die wir vordem eher mit Argwohn und Herablassung statt mit Interesse und Zuneigung zur Kenntnis nahmen, Europa hat sich zu einem ganz neuen Kontinent gewandelt. Da muss man schon mal hin, praktizierte Politische Bildung, es ist ja auch meist eine Begegnung mit unserer eigenen Geschichte.

Karl Schlögel ist Professor for Osteuropäische Geschichte an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt/Oder und bietet hier 25 Berichte, Essays und Vorträge, die in den Jahren 1988 bis 2000 entstanden, der Mann war vordem regelmässig hingefahren in diese “Grusel- und Sehnsuchtsländer” (FAZ) und für die innere Vorbereitung solcher Reisen in diese Städte gibt es kaum was Besseres als diesen Band! Hier mischen sich glücklich Essay und Reportage, es sind wirklich ganz ergreifende Städtebilder! Beschrieben sind z.B. Wilna, Lemberg, Czernowitz, Lodz, Moskau, Wladiwostok, der Potsdamer Platz, Odessa, Jalta, die Kurische Nehrung und die Oder als Strom zwischen den Zeiten: Alles Namen, die man längst wieder nennt!

 

Entdeckte Rezensionen

SZ 18.06.01 Marta Kijowska: “Corso im Osten”

FAZ 20.11.01 Stephan Wackwitz: “Professor Schlögel, we presume? Der Livingstone des Wilden Ostens versammelt seine Reisefrüchte.”

Im TAGESSPIEGEL 01.04.01 schreibt Katharine Narbutovic:

“Wie ein Archäologe an einer Ausgrabungsstätte macht Schlögel Geschichte sichtbar.” Und darum gehört das Buch auch in unsere Handbücherei! (ML)

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