Mythos Rommel

Untertitel

List Taschenbuch  München 2004    416 S.

REMY, Maurice Philip

Mythos Rommel

Wichtige Passagen

Man sollte das Buch von vorn bis hinten ganz und gar lesen, ist durchgehend spannend. Zehn  Kapitel. Es fängt mit der Jugendzeit des 1891 geborenen Erwin Rommel an und seiner Zeit im I. Weltkrieg. schon auf S. 44 ist Rommel im Führerhauptquartier abgebildet, auf S.50 findet sich sein Foto “Mit unendlichem Stolz erfüllt” bei der Siegesparade in Paris am 20.Juni 1940, er war ja Kommandeur der rücksichtslos vorpreschenden “Gespensterdivision” gewesen. Folgt Kriegsschauplatz Nordafrika, im 5. Kapitel dann schon der Rückzug von dort, am 13. Mai 1943 war der Krieg in Afrika zu Ende, am 10.Juli landeten die Alliierten in Sizilien. Rommel wurde im November 1943 jetzt Inspekteur der Verteidigungsanlagen im Westen. Sein Fazit: Hauptkampflinie ist der Strand, Abwehr durch “Rommel-Spargel”, beschrieben im Buch.

Immer wieder berichtet Remy von den zunehmenden Zweifeln Rommels hinsichtlich der Gesamtlage und was dieser darüber seiner Frau berichtete. Am 23. März sondierte der Wehrmachtbefehlshaber von Nordfrankreich, General von Falkenhausen, nach dem Abendessen unter vier Augen, inwieweit Rommel für den Widerstand gewonnen werden könne, er hatte aber den Eindruck, dass dieser noch nicht für eine Aktion zu haben wäre. Das gesamte Kapitel 8 beschreibt die internen Auseinandersetzungen der militärischen Führung im Westen. Der Kopf der militärischen Verschwörung, Generaloberst Ludwig Beck, hatte durch von Falkenhausen erfahren, dass man auf Rommel nicht zählen könne. Das Kapitel endet mit dem Beginn der Invasion am 06. Juni 1944, das folgende 9. endet mit den schweren Verwundungen Rommels durch einen Luftangriff britischer Spitfires am 25. Juni auf seinen mit hoher Geschwindigkeit fahrenden Horch-Kübelwagen. Am 21. Juli kam Rommels Ordonnanzoffizier Lang in das Krankenzimmer seines Chefs, der sein linkes Auge nicht mehr öffnen konnte. Lang berichtete von dem Attentat in Ostpreussen am Vortag, wobei der Diktator überlebt hätte. Lang konnte sich noch 30 Jahre später erinnern: Der Feldmarschall wurde bleich wie eine Wand.

Das 10. Kapitel ist mit “Wahrheit” überschrieben und handelt von den Stunden und Tagen nach dem Attentat, es geht  um Mitwisserschaften, die unter Folter durch die Gestapo herauskamen, Rommel hatte von allem gewusst und wurde am 08. August 1944 nach Deutschland gebracht, als sich Hitler bereits die Filme von den ersten Hinrichtungen vorführen liess. Die Rollen von Kluges (Selbstmord mit Zyankali), von Stülpnagels (Todesurteil), Models, von Hofackers, Speidels werden im Zusammenhang und in voller Dramatik ausgeleuchtet.

Rommel muss gespürt haben, dass ihm Gefahr drohe, schreibt Remy. Seine Verwundung war als Autounfall verkauft worden. Er wußte, dass es gegen ihn nie zu einem Przeß vor dem Volksgerichtshof kommen würde, er rechnete aber täglich mit seiner Verhaftung. Seiner Frau erzählte er nichts.

Die letzten 15 Seiten des Werks beschreiben Rommels letzte Stunden: General Burgdorf hatte am 13. Oktober im Hause Rommel in Herrlingen angerufen und seinen Besuch mit einem weiteren Herrn für den nächsten Tag angekündigt. Am Abend des 13.10. war General Burgdorf zusammen mit General Maisel und weiteren Offizieren, darunter sechs zuverlässigen Gestapo-Männern in Ingolstadt eingetroffen, die den reibunslosen Ablauf der Aktion am nächsten Tag garantieren sollten, jenem Tag, an dem Rommel schon ganz früh auf den Beinen war. Seinen Sohn Manfred empfing er am Vormittag mit den Worten.”Vielleicht bin ich heute Abend schon tot.” Um 11.00 Uhr bezogen die Gestapo-Männer ihre Posten. Punkt 12.00 Uhr fuhren Burgdorf und Maisel im schwarzen Mercedes vor dem Anwesen Rommels vor. Ahnungslos fragte Rommels Frau, ob die Gäste noch zum Essen bleiben wollten, die aber allein mit ihrem Mann sprechen wollten. Burgdorf, der das Gift offenbar gleich mitgebracht hatte, stellte den blaß gewordenen Rommel vor die Alternative: Selbstmord oder Volksgerichtshof.

Seine Familie würde nicht verfolgt und er selber würde in allen Ehren beigesetzt werden.

Rommels Frau fragte, was denn los sei. Rommels Antwort:”In einer Viertelstunde bin ich tot”. Sein Sohn Manfred half ihm in seinen Ledermantel.

Zu dritt gingen sie zum Wagen, Rommel setzte sich hinten rechts neben Burgdorf, die Türen wurden zugeschlagen und der Wagen fuhr los. Nach 500 Metern hielt der Wagen in einem Waldstück an einer alten Kiesgrube. Burgdorf forderte Maisel und den Fahrer Doose auf, den Wagen zu verlassen und sich zu entfernen. Nach fünf Minuten rief Burgdorf die Männer zum Wagen zurück. Doose beschrieb später das Bild, das sich ihm bot: “Ich sah Rommel hinten im Wagen sitzend, offenbar im Sterben, schluchzend, nicht röchelnd oder stöhnend, sondern schluchzend.” Burgdorf meldete Vollzug an Feldmarschall Keitel. Auf dem Totenschein stand später: Herzschlag als Folge eines im Westen erlittenen Dienstunfalls. Trauerfeier war in Ulm am 18. Oktober im Rathaus, kaum einer ahnte, was wirklich passiert war. Manfred Rommel und seine Mutter mußten bei diesem Hochamt der Verlogenheit dabeisein. Die Trauerrede hielt von Rundstedt: “Sein Herz gehörte dem Führer.”

Sehr lesenswert ist das Nachwort, das alle Überlegungen und die Haltung
Rommels nochmals zusammenfasst: Ihm wäre nicht verborgen geblieben, dass Hitlers Herrschaft schweres Unrecht – insbesondere die Behandlung der Juden – mit sich gebracht hätte. Rommel verurteilte das, meint Remy,versagte aber den bedrängten Menschen seine Solidarität. Unfreiwillig und wohl auch ohne es jemals wirklich erkannt zu haben, wäre Rommel zum Komplizen eines mörderischen Regimes geworden, Remy sieht darin keine individuelle Schuld. Das sieht aber bekanntlich nicht jeder so und darum ist die Debatte über Kasernennamen der Bundeswehr auch nicht am Ende, noch lange nicht (ML).

Inhaltliche Zusammenfassung

Der Autor hinterfragt den “Mythos Rommel.” Schon David Irving kratzte ja 1977 mit seiner Rommel-Biographie am Mythos vom “Wüstenfuchs” und sprach von einer unkritischen Nähe zu Hitler – bis zum Schluss. War Rommel ein überzeugter Nationalsozialist oder ein Held des Widerstandes gegen Hitler? Der Autor sagt: Beides. Fest steht wohl zumindest Folgendes: Hitler war von Rommel fasziniert. Und Rommel war selbst auch von Hitler fasziniert. So eine ähnliche Symbiose sehen wir bei Hitlers Verhältnis zu Speer.

Offen bleibt aber nach wie vor, ob sich Hitlers Lieblingsgeneral vor dem 20.Juli 1944 von den Zielen der Hitler-Gegner-überzeugen ließ, aber offenbar war er bereit, einer neuen Regierung nach gelungenem Attentat zur Verfügung zu stehen. Allerdings: Welcher General wäre denn – nach dem Ende des Regimes – dazu nicht bereit gewesen? Unmittelbar vor dem erzwungenen Selbstmord gab der “Wüstenfuchs” am 14.10.44 seinem Adjudanten Hauptmann Hermann Aldinger zu Protokoll: “Ich fühle mich unschuldig. Ich bin nicht beteiligt am Attentat. Ich habe in meinem ganzen Leben dem Vaterland gedient und das Beste getan.”

Hinsichtlich der Traditionsdebatte der Bundeswehr hat die Person Rommel besondere Bedeutung wegen der unabgeschlossenen Auseinandersetzungen um die Kasernenbenennungen. Ralph Giordano, der in seinem Buch “Die Traditionslüge” (in unserer Handbücherei!) mit dem Kriegerkult der Bundeswehr abrechnet, ist der Auffassung, Erwin Rommel wäre bis zuletzt des “Führers” General gewesen, die Ikone der Wehrmacht, und das über deren Untergang hinaus. An Rommel – so Giordano – schieden sich die Geister. Sein Bleiben oder sein Verschwinden als Kasernenpatron der Bundeswehr werde zeigen, wie ernst es ihr mit der Korrektur der Traditionspraxis sei. Giordano erklärt Rommel praktisch zum Kriegverbrecher, über dessen Buch sagte der Historiker Winfried Heinemann jedoch, es handle sich um eine völlige Verwilderung des historischen Diskurses in der deutschen Öffentlichkeit.

Der 1999 frisch ernannte Staatsminister für Kultur, Michael Naumann, sagte am Rande der Berlinale vor englischen Journalisten, sie hätten ein falsches Bild von der Wehrmacht, der “Wüstenfuchs”, der in England als heldenhafter, galanter Offizier dargestellt werde, sei Teil einer “Tötungsmaschine” gewesen, eines “wandernden Schlachthauses”.

Der Autor meint in seinem Vorwort, das Buch sei kein weiterer Heldengesang, aber auch keine Abrechnung. Es sei ein Versuch, dem wahren Rommel so nahe wie möglich zu kommen.

Ich halte mich schlicht für unbefugt, an dieser Stelle Partei für eine der nach wie vor sehr vielen Meinungen zu ergreifen. Man muß ja selbst froh sein, nicht in solche Lagen geraten zu sein. Sowohl Giordano (Traditionslüge) wie auch Remy (Mythos Rommel) habe ich komplett gelesen und finde beide Werke überaus spannend geschrieben, da stockt einem doch oft der Atem. “Mythos Rommel”, mit zahlreichen Fotos ausgestattet, gibt nicht nur Auskunft über ein deutsches Soldatenleben, es ist ja auch die Wucht dieser zeitgeschichtlichen Darstellung, die den Leser aufwühlt und mit den sehr vielen eindringlichen Fotos innerlich überwältigt. Nicht teuer, daher anschaffen! Wer hinsichtlich des Hintergrunds sich zu wenig orientiert fühlt: Die ausführliche Rezension von Rainer Blasius v. 19.11.02 schafft Abhilfe und mehrt zuverlässig die Neugierde. Gibts online.

Entdeckte Rezensionen

FAZ Rainer Blasius 19.11.02: Auf der falschen Fährte

 

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