Krieg ohne Fronten

Die USA in Vietnam

Hamburger Edition Neuausgabe 2009, 596 S. (brosch.),  ursprünglich geb. 2007

Greiner, Bernd

 

Wichtige Passagen

Im ersten Teil des Buches untersucht Greiner die Rolle der Akteure, von den Kriegsherren und den Generalen über die Offiziere bis hin zu den „Frontschweinen“, im zweiten Teil verfolgt er in drei Fallstudien die Blutspur der „Pazifizierungsaktionen“.

Das Buch beschreibt, wie ein Kommandeur seine Truppe „heiß machte“ (S. 298 f.), indem er sie in Todesangst versetzte, die Aussage eines Soldaten, er hätte Frauen und Kinder erschossen, weil er Angst hatte, dass selbst Babies mit Bomben ausgestattet sein könnten, wertet Greiner als subjektiv ehrliche Antwort (S. 181), zum eigentlichen Vietcong zählte man Kinder ab 5 Jahren.

Es wird der Eindruck eines Soldaten geschildert, es sei normal, wie seine Kameraden und er sich in Vietnam verhielten (S. 284): „Keine Toten? Sie sollten allmählich anfangen, gründliche Arbeit zu leisten, Leutnant, sonst suche ich mir einen, der das kann.“

„Wenn wir uns daran gewöhnen, dergleichen hinzunehmen, gibt es nichts mehr, was wir nicht hinnehmen.“ (Jonathan Schell, Oberserving the Nixon Years, S. 20)

 

Inhaltliche Zusammenfassung

Dieses Buch ist ein Schock. Greiner hatte die Möglichkeit, das Archiv der Vietnam War Crimes Working Group und die Unterlagen der Peers-Kommission einzusehen. Es gab nicht nur My Lai. Folter, Mord und Massaker – außer My Lai sind 246 weitere Kriegsverbrechen dokumentiert – waren an der Tagesordnung. Verdächtige wurden zum Reden gebracht, indem man aus ihrer Mitte einen herausgriff und aus dem Hubschrauber warf. Es handelte sich teilweise um ganz kühl kalkulierte Tötungsarbeit: “Wenn wir die Mütter töten, die Frauen, werden sie keine Vietcong mehr produzieren. Und wenn wir die Kinder töten, werden sie nicht zu Vietcong heranwachsen. Und wenn wir alle töten, wird es am Ende keine Vietcong mehr geben“. So sagte einer der Beteiligten aus. Vierzig Jahre hat es gedauert, bis zu diesem Buch, dass das ganze Ausmaß der amerikanischen Kriegsverbrechen in Vietnam ans Licht kam.

Auf 200 der 500 Textseiten schildert Greiner das Verhalten der Soldaten im Vietnamkrieg in den Jahren 1967-1971, der Todesschwadronen und der Massaker, gerahmt von der Geschichte und den Hintergründen dieses Krieges sowie einer Politik des „Nicht-aufhören-Könnens“ der Präsidenten von Kennedy über Johnson bis zu Nixon. Dies ist eine akribische, quellengesättigte und – wenn man die Nerven dazu hat – sehr gut lesbare Arbeit, die vor allem den Krieg selbst beschreibt. Dabei verknüpft er das Handeln der US-Soldaten mit der militärischen und politischen Führung. Die Truppenbefehlshaber wurden immer wieder nachdrücklich aufgefordert, ihre „Tötungsquote“ zu erfüllen. Bei der Operation „Speedy Express“ wurden 11.000 „Feinde“ getötet, aber nur 748 Waffen erbeutet. Die mittleren Führungsebenen waren von der Body-Count-Manie befallen und wollten ihre Quoten erfüllen. Die unterste Ebene legitimierte sich selbst, niemand wollte vor den eigenen Kameraden als Schwächling dastehen. Das Buch folgt den Erkenntnissen und Vorgaben der NS-Täterforschung.

Greiner sieht keine spezifischen Interessen der USA in Südvietnam, vielmehr ging es um die Befürchtung von psychologischen Folgen eines Nichthandelns, das zur Auflösung der amerikanischen Allianzsysteme führen würde.

Die Nationale Volksarmee Nordvietnams erwies sich als einer der zähesten Kampfverbände der Weltgeschichte, die US-Amerikaner traten mit einer Wehrpflichtarmee an, deren Kampfeswille von Beginn an fraglich erschien. So kam es zur unbezweifelbaren Niederlage der USA in Vietnam. Die Verwerfungen in der US-amerikanischen Gesellschaft bestehen bis heute fort.

 

Entdeckte Rezensionen

ZEIT online, „Der amerikanische Albtraum“, Volker Ullrich10.10.2007, 8 Seiten (überragend!)

FAZ „Das Pentagon achtete genau auf die Tötungsquote“, Harald Biermann, 10.10.2007 (ebenfalls sehr gründlich)

SZ „Anleihen beim totalen Krieg“, Jörg Später, 05.02.2008

HU Berlin, Lars Klein, 21.01.2008

Auf das Buch wies mich Jürgen Rose hin. Dankenswerterweise. Das Buch lag ja hier im Regal, bisher unbeachtet. Tja.

Willi Paul Adams Award 2009 für das beste nicht englischsprachige Buch zur amerikanischen Geschichte (Organization of American Historians)

 

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