Zurückgestutzt, sinnentleert, unverstanden

Die Innere Führung der Bundeswehr

NOMOS Baden-Baden 2008    170 S.

Detlef Bald, Hans-Günter Fröhling, Jürgen Groß  u. Claus Freiherr von Rosen

Die Innere Führung der Bundeswehr

Wichtige Passagen

Im ERSTEN TEIL werden die langfristigen Entwicklungen der Inneren Führung analysiert. Von den sechs Beiträgen ist jedenfalls mir

Rudolf Hartmann: Abschied vom Staatsbürger in Uniform. Fünf Thesen zum Verfall der Inneren Führung

als lohnend aufgefallen. Noch wichtiger, sogar alarmierender  ist aber vermutlich die Arbeit von

Detlef Bald: Politik gegen die Demokratisierung der Bundeswehr. Restaurativer Traditionalismus in der Bonner Republik

Im ZWEITEN TEIL  geht es um die Auswirkungen der Bundeswehrtransformation. Hier ist vor allem hinzuweisen auf die speziellen Aspekte von

Hans-Günter Fröhling: Das Kommando Spezialkräfte (KSK) aus dem Blickwinkel der Inneren Führung 

Im DRITTEN TEIL wird der überragende Stellenwert der Inneren Führung dargelegt und begründet, hier facettenreich von

Jürgen Rose: Vision “Zivilisierung des Militärs”

 

Inhaltliche Zusammenfassung

Mitglieder der Forschungsgruppe “Demokratisierung von Streitkräften im Kontext europäischer Sicherheit” am IFSH Hamburg bieten in drei Abschnitten insgesamt elf Beiträge zum Forschungsgegenstand “Innere Führung”. Die Autoren wenden sich gegen eine fortschreitende Sinnentleerung und Zurückstutzung auf ein funktionales Führungs- und Motivationskonzept und gegen ihre Loslösung vom gesellschaftspolitischen Bezug.

Insgesamt eine hervorragende Diskussionsgrundlage für alle Vorgesetzten, unter “Rezensionen” finden sich in zwei Beiträgen die ergänzenden bzw. sehr engagierten Gegenpositionen

 

Entdeckte Rezensionen

Portal für Politikwissenschaft  Timo Lüth 2008  (kurze Zusammenfassung eines Studenten Politikwissenschaft Universität Hamburg)

www.e-politik.de  Michael C.Pietsch  15.11.08: “Idealisiert, akademisiert, realitätsfremd”

Das ist wahrlich eine Stimme von der anderen Seite des Mondes, die Herausgeber des Buchs seien ihrem Ruf als Berufskritiker nur einmal mehr gerecht geworden. Diese Autoren befänden sich in einem ewigen Kampf gegen revisionistische Gegner der Inneren Führung. Die neue Verantwortung Deutschlands jenseits der eigenen Grenzen werde von ihnen nicht anerkannt. Wer den Wehrdienst mit seinem Gewisssen nicht vereinbaren könne, müsse ja nicht Soldat werden. Wer sich dafür entscheide, müsse sich über die Aufgaben der Bundeswehr im Klaren sein und eben der Politik vertrauen…

Die Autoren – so Pietsch – betrachteten den fundamentalen Wandel zur globalern Kriseninterventionstruppe als Irrweg. Sie würden sich auch gegenseitig widersprechen. Alles sei fernab jeder Realität. Diese tiefempfundene Empörung verteilt sich auf mehrere Seiten! Pietsch vermißt Beiträge von aktiven Soldaten in Führungsverantwortung. Der Leser müsse selber suchen gehen. Aber den Blick in die Bibliographische Auswahl ab Seite 165 könne man sich gleich sparen. Denn da seien nur die “üblichen Verdächtigen” Meine Güte!

Bei der Recherche ist mir aber für den, der tiefer einsteigen will, ein ganz neuer Artikel von Sönke Neitzel vom 20.11.13 aufgefallen: “Der Westen und die neuen Kriege”, 8 Seiten (also überschaubar) mit 47 Literaturhinweisen, online verfügbar (eurozine, Mittelweg 36).

Den halte ich für außerordentlich lesenswert! Der ist für die Debatte wichtig!

Neitzel sieht den Paradigmenwechsel 1990. Der Afghanistaneinsatz hätte einen Lernprozess angestoßen. Und der Wunsch, das Militärische aus den Streikräften herauszulösen, sie zu zivilisieren, sei eine Illusion, das sei auch in Spanien, Italien und den Niederlanden zu beobachten. Der Autor hat zusammen mit Harald Welzer den Band “Soldaten, Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben” herausgegeben (Frankfurt 2011, natürlich in unserer Handbücherei!). Allein schon vom aktuelleren Literaturverzeichnis (hier wahrlich nicht nur “übliche Verdächtige”) her lohnt sich das Ausdrucken unbedingt, Neitzel wird allen Positionen zwischen Athen und Sparta gerecht (Budde, Trull, Wiesendahl usw). Spannend beschrieben!

Hinweisen möchte ich hier noch auf Heft 153 des IFSH (Hamburg 2009: Detlef Bald, Hans-Günter Fröhling und Jürgen Groß (Hrsg.) Bundeswehr im Krtieg – wie kann die Innere Führung überleben? Auch diese 60 Seiten sind online verfügbar, aber eben geschrieben von den “üblichen Verdächtigen”.

 

 

 

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