Eine Kopfjagd

Deutsche in Ostafrika

Ch.Links Verlag Berlin 2001 220 S.

BAER, Martin und Olaf SCHRÖTER

Eine Kopfjagd

Wichtige Passagen

S.7: Kolonialherren als Kopfjäger? Der große Stamm der Wahehe mit ihrem Häuptling Mkwawa bot den 1000  Soldaten der deutschen “Schutztruppe”sieben Jahre lang die Stirn, auf seinen Kopf war daher ein hoher Preis ausgesetzt, aber er führte den Guerillakampf unerschrocken, bis die Deutschen ihn 1898 hatten. Den von Soldaten unseres Kaisers abgetrennten Kopf schickte man nach Deutschland.

S.24 ff.: “Ein Reich nach meinem Geschmacke” – Carl Peters und der Beginn der Kolonisation in Deutsch-Ostafrika. Der an der Elbe geborene Pfarrerssohn gründete 1884 die “Gesellschaft für deutsche Kolonisation”. Das Ziel war ganz offen “die rücksichtslose und entschlossene Bereicherung des eigenen Volkes auf anderer, schwächerer Völker Unkosten” 1884 wurden mit einheimischen Häuptlingen “Verträge” abgeschlossen, in denen diese sich deutschem “Schutz” unterstellten. Tatsächlich aber kam es bald zu massiven Aufständen, und um keine deutschen Soldaten zu opfern, wurden 600 sudanesische Söldner und 400 Krieger aus Mosambik angeworben, Grundstock der später als Askari bezeichneten schwarzen Mannschaften der “Schutztruppe.” Die Söldner der Deutschen machten oft kurzen Prozess mit Aufständischen, leitender Deutscher war ein Hauptmann Wissmann, wer als Afrikaner des Widerstands verdächtigt wurde, wurde durch die Wissmann-Truppe gleich umgebracht oder doch erst dem Henker übergeben, alles um das Jahr 1890 herum. Wissmann war mit 80 deutschen Offizieren und Unteroffizieren gekommen und im südlichen Küstenabschnitt bei Kilwa war am 03. Mai 1890 nach dreitägigem Artilleriebeschuss dann Ruhe.

Aus Wissmanns Söldnertruppe wurde am 01. April 1891 eine auf 3000 Mann verstärkte “Schutztruppe für Ostafrika”. Der erste Kommandeur war Emil von Zelewski, der dann schon bald für Schlagzeilen in Berlin sorgen sollte.

S. 49 ff.:Strafexpeditionen gegen die Wahehe: Mkwawas Kampf und Niederlage

Am 12. September 1891 berichtete das “Berliner Tageblatt” vom “Untergang der Expedition Zelewski” und forderte: “Die Wahehe müssen unbedingt gezüchtigt werden.”

Vom Volk der Wahehe hatte ja noch nie jemand vorher gehört. Im Sommer 1891 schickten die Deutschen eine Strafexpedition, Zelewski verwüstete eine Ortschaft nach der andern, die Gehöfte wurden angesteckt. es kam zu unbeschreiblichen Grausamkeiten. Die Wahehe wehrten sich, indem sie die Weißen, noch auf ihren Eseln sitzend, mit vielen Speerstichen niedermachten, es kam zur Niederlage der Deutschen in der Schlacht von Lugalo (17.08.91) , da wurden 20 % der deutschen Macht in Ostafrika aufgerieben und das “Berliner Tageblatt” äußerte die Befürchtung, dass nun der Säckel der Steuerzahler immer und immer wieder in Anspruch genommen werden sollten, um “ernste Vorkehrungen gegen die Wahehe” sicherzustellen.

Die Wahehe wurden in der deutschen Öffentlichkeit berühmt und gefürchtet, diese weiteten nun ihre Angriffe auf deutsche Patrouillen aus, die befestigte Station von Kilossa (250 km westl. DARESSALAM) verlor im Sommer 1892 bei einem Angriff Mkwawas fast die gesamte Besatzung. Der Krieg eskalierte immer mehr, nach Berlin aber wurde gemeldet: “250 Feinde beerdigt, viele weitere in den Häusern verbrannt, 1500 Weiber und Kinder befreit, 2000 Stück Großvieh und 5000 Stück Kleinvieh genommen.” In Wirklichkeit hatte man aber die 1500 Frauen und Kinder gefangengenommen. Inzwischen hatte sich der Kaiser die Akten kommen lassen. August Bebel geißelte die Gefangennahme von Frauen und Kindern als “Barbarei ersten Ranges.”

Nach jahrelangem Krieg – gefangene Wahehe-Krieger sollen jeweils gleich erschossen worden sein – bricht die 2000-köpfige “Schutztruppe” am 17. Juli 1898 wieder zu einer Strafexpedition auf, Zerstörung aller Pflanzungen, Verbrennen aller Hütten, Wegführen des Viehs eingeschlossen, und wieder 500 Frauen und Kinder gefangen, alles als “großer Erfolg” angesehen. 2 Tage später gelang es, Mkwawa einzukreisen, der sich erschoss. Feldwebel Merkl gab den Befehl, ihm den Kopf abzuschneiden, den er im deutschen Hauptquartier ablieferte. Der siebenjährige Krieg war zu Ende.

S. 64 ff.: Kolonisieren ist Missionieren, Missionieren ist Kolonisieren – Die Rolle der Kirche in Deutsch-Ostafrika. (Nur als Hinweis auf dieses Kapitel)

S. 89ff.: Der Fall Hänge-Peters  (das ist derselbe wie oben)

Pfarrerssohn Peters von der Elbe war inzwischen Reichskommissar für das Gebiet um den Kilimandscharo geworden, dort hielt er sich eine Eingeborene namens Jagodja als Beischläferin, es kam aber heraus, dass diese ihrerseits ein Verhältnis mit seinem schwarzen Diener Mabruk hatte. “Eine solche Frechheit”, verkündete der Reichskommissar, “verdient die Todesstrafe”. Peters saß dem Kriegsgericht selbst vor und verhängte das Todesurteil über Mabruk. Beim ersten Versuch riss der Strick, beim zweiten mußten die Bierkästen, auf denen der Delinquent stand, unter den Füßen weggetreten werden, weil er sich weigerte, runterzuspringen. Peters brachte abends einen Toast “auf das Wohl des seligen Mabruk” aus.

Jetzt floh Jagodja zu einem der Führer des Wachagga-Stammes. Peters forderte die Auslieferung der jungen Frau, was der Stamm ablehnte. Peters schickte daher seine Askaris, die Hütten der Wachagga wurden abgebrannt, Jagodja wurde vom gleichen Kriegsgericht wegen “Konspiration mit feindlichen Stämmen” zum Tode verurteilt und gehängt.

Zwar wollte die Kolonialverwaltung in Berlin Peters dafür zur Rechenschaft ziehen, aber Reichskanzler Caprivi gab die Weisung, nicht zu massiv gegen ihn vorzugehen, Peters wurde in Erholungsurlaub geschickt und hatte eine Denkschrift über Ostafrika zu verfassen. Aber vier Jahre später brachte der Sozialdemokrat August Bebel die Sache im Reichstag doch noch zur Sprache, nun kam es doch noch zum Disziplinarverfahren, nicht wegen Mordes, sondern wegen unterlassener Weitermeldung der Hinrichtungen nach Berlin. Das führte im November 1897 zur Entlassung aus dem Reichsdienst, Titel und Pensionsanspruch waren futsch. Peters ging als Geschäftsmann nach London, kam aber bei Ausbruch des Weltkrieges nach Deutschland zurück, er erhielt Pensionsanspruch und den Titel Reichskommissar vom Kaiser Wilhelm II. wieder zurück. Es blieb Adolf Hitler aber vorbehalten, Peters im Jahre 1937 vollständig zu rehabilitieren, “Hänge-Peters” war jetzt Nationalheld, 1940 begannen die Arbeiten für einen aufwendigen Spielfilm, an dem dann 100 “Neger” aus der Gefangenschaft mitwirkten, Goebbels war begeistert. Aus den beiden Morden machte man im Film einen “kurzen Prozeß” an “von Engländern bezahlten Aufrührern”.

Der Nazi-Film ist inzwischen vergessen, in Berlin heisst die Peters-Allee in Wedding aber immer noch Peters-Allee (ich hab im Stadtplan vorhin nachgesehen ML) und in Ostafrika erzählen sie von ihm als “Mkono-wa-damu”, dem Mann mit den blutigen Händen.

(Einschub: Ich frage mich: Hat Generalleutnant Fritz das alles gewußt, als er neulich in Ostafrika war, wird diese interkulturelle Kompetenz der Bundeswehr vermittelt, wenn sie jetzt nach Afrika soll? Das Darmstädter Signal wird das so “im Auge behalten”, wie Herr General ganz Afrika im Auge behalten will, wie er am 21.01. in Mainz ausführte.

Das große Werk von Hermann Baumann “Die Völker Afrikas und ihre traditionellen Kulturen Teil I und Teil II”, die “Sprachen Afrikas” von Heine, Schadeberg und Wolff,

die Geschichte Afrikas im 19. und 20. Jahrhundert von Harding, “Die Kulturen Afrikas” von Hirschberg, das ist die Literatur, die sich das Einsatzführungskommando beschaffen muss, wenn es in Afrika bestehen will, gibts alles im AGeoBw, die Bände haben wir aber auch schon  beim Darmstädter Signal, ein “Leitfaden Aufstandsbewältigung” allein wird nämlich keinen Erfolg bringen, das war schon in Afghanistan so, Herr General. Und das Naumann-Buch wäre durch die Führung auszuwerten,das gilt auch für Afrika. Ende Einschub)

 S.93.: Mit Zauberkraft gegen Gewehre – Der Maji-Maji-Aufstand

Am 20. Juli 1905 geschah auf einem Baumwollfeld einer deutschen Plantage nahe des Dorfs Nandete im Land der Matumbi Unfassbares: Die verhassten Baumwollpflanzen der deutschen Herren wurden aus der Erde gerissen. Daraus entwickelten sich Aufstände und beim ersten Gefecht mit deutschen Truppen bei Samanga wurden die Deutschen in die Flucht geschlagen. Bald befand sich ein Drittel von Deutsch-Ostafrika im Aufstand.

Am 22. März 1905 war vordem die Hüttensteuer durch Gouverneur von Götzen praktisch vervierfacht worden, die wurde jetzt per Kopf und nicht mehr per Hütte erhoben, man wollte endlich Gewinne aus dem Kolonialabenteuer sehen. Graf von Schweinitz hatte schon 1894 kritische Worte gefunden:” Was verursacht unsere heutige Politik für Kosten!” Mit dem Baumwollanbau war 1902 begonnen worden. Wer die neue Hüttensteuer nicht bezahlen konnte, war der Willkür der Askaris mit den Nilpferdpeitschen preisgegeben.

Das Verbindende des Maji-Maji-Aufstands war ein alter auf afrikanischem Glauben basierender Zauber, der die fremden Herrscher verjagen sollte, der aber nicht gegen Maxim-Maschinengewehre half. Zunächst aber musste von Götzen am 15. August 2005 Verstärkung in Berlin anfordern, aber Deutschland stand noch ganz unter dem Eindruck des Aufstandes der Herero und Nama in Südwestafrika, der mehrere Zehntausend örtliche Menschenleben und fast 600 Mio. Mark gekostet hatte. Die Deutschen gingen mit unglaublicher Härte und Unbarmherzigkeit vor, Dörfer wurden abgebrannt, die Ernten vernichtet, an einem Tag in Songea im Februar 1906 wurden 48 Ngoni-Krieger gehenkt.

Im Juli 1907 war der Aufstand im wesentlichen niedergeschlagen, Ruhe herrschte jedoch erst nach den letzten Hinrichtungen im Juli 1908. Kaiser Wilhelm II. erklärte im Reichstag im November 1907, dass die schwere Krise überwunden sei, und:” Der Dank des Vaterlandes ist den Tapferen sicher, die in jahrelangen schweren Kämpfen mit einem verschlagenen und hartnäckigen Gegner den Ruhm der deutschen Waffen hochgehalten haben.” Die Zahlenangaben über Tote in der Bevölkerung schwanken zwischen 75.000 und 300.000. Der erste Staatspräsident Tansania, Julius Nyerere, sagte 1956 vor einem UNO-Ausschuss zu diesem Aufstand: Die Menschen kämpften, weil sie nicht an das Recht des weißen Mannes glaubten, die SChwarzen zu regieren und zu zivilisieren. An all das ist die Erinnerung dort noch wach, so gibt es z.B. eine Fußballmannschaft, die sich stolz “Songea Maji-Maji” nennt.

S. 107 ff.: Reichstagsauflösung und “Hottentottenwahlen” Kolonialpolitik in Deutschland 

1906 kämpfte eine inzwischen mehrere tausend Mann starke deutsche “Schutztruppe” gegen die Hereros und Nama, in Ostafrika hatte sich der Maji-Maji- Aufstand zum Flächenbrand entwickelt. Das hatte auch in Deutschland enorme personelle Konsequenzen, wie hier beschrieben wird. Auch das Parlament hatte sich mit den Kolonien zu befassen und lehnte weitere Gelder ab, daraufhin löste der Kaiser den Reichstag auf. In den folgenden “Hottentottenwahlen” war das Ergebnis ein kolonialfreundlicherer Reichstag ,

wie man das geschafft hat, steht in diesem Kapitel spannend beschrieben.

S. 116 ff.: “Erziehung des Negers zur Arbeit” – die “neue Politik” in den Kolonien

Die Arbeitskraft der Schwarzen war das einzige organische Stammkapital in der Kolonie. Seit dem Jahr 1906 war Freiherr Albrecht von Rechenberg der Gouverneur. Er schaffte die Zwangsarbeit auf den Baumwollplantagen ab, die Hauptursache für den Maji-Maji-Aufstand war. Prügelstrafen wurden jetzt eingeschränkt. Es kam auch zu einem verstärkten Zuzug von Siedlern, bis 1913 stieg die Zahl der Europäer auf knapp 5000.

Prestigeobjekt der Deutschen war jetzt der Eisenbahnbau, seit 1903 gab es Planungen für eine Zentralbahn von Daressalam aus, den Auftrag hatte die Frankfurter Firma Philipp Holzmann bekommen, die schon Erfahrungen mit der Bagdadbahn gesammelt hatte.

Die Beschreibung des Bahnbaus ist in dem Kapitel ganz detaillert! Auch militärische Überlegungen sprachen ja dafür, 1905 während des Maji-Maji-Krieges konnte ein Aufstand der Wassukuma am Victoriasee nur verhindert werden, indem eine Abteilung Marineinfanterie mit Hilfe der englichen Ugandabahn dorthin verlegt wurde.

Unter Den Pflanzern war das Vorurteil unausrottbar, dass die schwarze Bevölkerung zu faul zum Arbeiten sei. Aber die Anwerbung geschah mit roher Gewalt und mit Versprechungen, die nicht gehalten wurden, dabei halfen örtliche Häuptlinge nach, die daran verdienten. Am Ende kapitulierte Rechenberg vor dem Widerstand der Siedler, 1912 kehrte er von einem Urlaub nicht mehr zurück, neuer Gouverneur wurde Heinrich Schnee, der die Position der Siedler wieder stärkte. Der erste Weltkrieg sollte das Deutsche Reich dann bald seine Kolonien kosten.

S.127 ff.: Rückzug in die Legende: Paul von Lettow-Vorbeck und der Erste Weltkrieg als Kolonialkrieg

Lettow-Vorbeck kam 1913 als Kommandeur der Schutztruppe nach Ostafrika. Mit Gouverneur Schnee kam er nicht recht klar, mitten im Krieg beschwerten sich beide jeweils mit Eingaben über den anderen in Berlin. 1917 wurde Lettow-Vorbeck zum Generalmajor befördert und war nun der eindeutig Ranghöhere.

1914 beschossen englische Kriegsschiffe Daressalam, Schnee wollte eigentlich kapitulieren, Lettow-Vorbeck begann mit der militärischen Verteidigung, am 2. November setzten die Engländer bei Tanga 8000 Mann an Land, vorwiegend Inder, aber die Engländer zögerten 2 Tage zu lang, es stand auf Messers Schneide. Die Deutschen konnten mit der Eisenbahn

Truppen heranführen, die Flucht der Inder war die Folge, die englische Front brach zusammen. Die Deutschen erbeuteten das Material von einem britischen und acht englischen Regimentern und empfanden das als Geschenk des Himmels, da sie vom Nachschub inzwischen abgeschnitten waren. Im indischen Ozean war die maritime Überlegenheit Englands überwältigend.

Im Jahr 1916 eroberten britische Truppen unter dem südafrikanischen General Smuts mit 70.000 Mann bis zum Herbst fast die gesamte deutsche Kolonie. Von dem Kolonialreich Ostafrika war nicht mehr viel übrig, nur im Süden hielt man sich noch,aber die deutsche Führung träumte von einem “Deutsch-Mittelafrika”, das vom Atlantik bis zum Indischen Ozean reichen sollte, mitsamt Kongo und Nigeria. Solche Visionen waren nur möglich, weil man ja glaubte, den Krieg zu gewinnen. Das Kapitel berichtet von aufregenden Bewegungen des deutschen Generals mit seinen Truppen, mal rückte er in Portugisisch-Ostafrika ein, Versuchen, ihn einzukreisen, begegnete er , indem er die Grenze zur englischen Kolonie Rhodesien überschritt. Am Ende blieb er tatsächlich unbesiegt, erfuhr erst am 14.11.18 von der deutschen Kapitulation und begab sich am 25.11. im heutigen Sambia in englische Hände. Von seiner Truppe waren nur noch 30 Offiziere und 125 weiße Unteroffiziere und Soldaten übrig Dieses ist eines der lebendigsten Kapitel des Buches!

Lettow-Vorbeck gehörte natürlich zu den Auserlesenen, die in die Reichswehr übernommen wurde. Er schlug im Juni 1919 mit 10.000 Soldaten den Spartakusaufstand in Hamburg nieder und da ihm der Ruf von Rücksichtslosigkeit vorausging, regte sich auch kaum Widerstand. Das schrieb er selbst in seinen Memoiren. Nach seiner Beteiligung am Kapp-Putsch 1920 wurde er aus der Armee entlassen. Gegen Ende der Weimarer Republik saß er als Nachfolger des greisen Admirals von Tirpitz im Reichstag! Im dritten Reich wurden Kasernen und Straßen nach ihm benannt, in die NSDAP trat er aber offenbar nicht ein. Er starb am 09. März 1964 hier in Hamburg, da war ich schon 3 Jahre lang Soldat und erinnere mich an die Trauerfeier mit Bundeswehrbegleitung. BMVg war Minister von Hassel. Was für ein Leben!

Teil des Kapitels ist auch ein 4-Seiten-Kasten über den Kolonialkritiker Hans Paasche, dessen wechselvolles Leben in unserm Buch Wette: “Pazifistische Offiziere” aber noch viel genauer beschrieben ist. Paasche war mit dem Auftreten der Deutschen in Afrika nicht einverstanden und forderte die Überwindung des preussisch-deutschen Militarismus. Das erzeugte den Haß seiner ehemaligen Standesgenossen, inzwischen zu Freikorps-Soldaten mutiert, die ihn am 21.05.20 “auf der Flucht” erschossen.

Es folgen noch Kapitel über die “Kolonialschuldlüge” (S.145) und über die Afrika-Pläne der Nazis (S.158). Das Buch schließt mit den Beziehungen beider deutscher Staaten zu Tansania, also dem Umgang mit dem kolonialen Erbe (S.174)

 

Inhaltliche Zusammenfassung: 

In Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania, trieben vor rund 110 Jahren die deutschen Kolonialtruppen den aufständischen Sultan Mkwana in den Tod. Ihm wurde der Kopf abgetrennt und der wurde als makabre Trophäe nach Deutschland geschickt. Dieser Schädel beschäftigte über das Ende des deutschen Kolonialreiches hinaus europäische und afrikanische Regierungen. 1919 verfügten die Alliierten nach WK I im Versailler Vertrag seine Rückgabe an das Volk der Wahehe, die aber erst nach WK II im Jahr 1954 erfolgte. Vor dem Hintergrund dieser Kopfjagd erzählen die beiden Autoren die Geschichte der ehemaligen deutschen Kolonie in Ostafrika, von der Eroberung des “Platzes an der Sonne” über die Kämpfe im Ersten Weltkrieg, die Kolonialnostalgie in der Weimarer Republik, die nationalsozialistischen Weltmachtpläne bis hin zur Entwicklungspolitik beider deutscher Staaten.

Bei dieser Buchbeschreibung sind die wichtigen Passagen praktisch schon der Inhalt, darum widmen wir uns  als DS  hier lieber mal mehr dem Bundeswehraspekt:

Alle sprechen jetzt 2014 plötzlich von Afrika, selbst der Generalleutnant Fritz, Befehlshaber des Einsatzführungskommandos sagte am 21. Januar in Mainz, AFRIKA würde uns in den nächsten Jahren beschäftigen, wann und in welcher Ausprägung, ergäbe sich aus den Konflikten, Afrika “müssen wir im Auge behalten”. Er war ja nun selbst soeben grade noch mal davongekommen: Als am 15./16. Dezember 2013 die Krise im Südsudan ausbrach, war er selbst im Lande und wurde am 18.12. “diplomatisch evakuiert”, war sozusagen Kunde seines eigenen Rettungsdienstes, alles ging dabei gut und schnell und so konnte er uns in Mainz von der “unvorstellbaren Gewalt” berichten. (Sowas war mir ja auch schon mal selbst passiert, als in Ibadan (Westnigeria) im Yoruba-Land am 15. Januar 1966 der Generalmajor Ironsi putschte, da hatte ich mich – auch rein zufällig vor Ort -vor der wilden Ballerei in einer christlichen Kirche unter dem Altar verkriechen können und habe am nächsten Morgen mitgeholfen bei Aufräumen:  Als mein Freund und ich dann mit unserm 30-PS-VW-Bus eine Straßensperre nicht rechtzeitig bemerkten, wär ich fast mit einem unserer eigenen G 3s erschossen worden, die Deutschland schon damals nach Afrika exportierte).

Wir sollen uns also offenbar auf Afrika einstellen, wo Deutschland ja auch eine militärische Vergangenheit hat. Das ist bei uns nicht mehr im Vordergrund der Erinnerungen präsent, aber bei den Völkern dort schon noch, sie erzählen davon abends am Feuer über Generationen hinweg. Die Handbücherei will hier Nachhilfe für die Jüngeren leisten, hier liegt daher schon alles für Afrika bereit,  sortiert, Völkermord in Deutsch-Südwest 1904-1908, es gibt eine Sammlung von Pressemitteilungen von den Aufständen in Deutsch-Ostafrika und Deutsch-Südwestafrika und es gab sogar NS-Kolonialplanungen für Afrika: “Deutschland jenseits des Äquators?” Wir pirschen uns jetzt zunächst mal wie ein Buschlöwe mit dem ersten Band im Maul an diesen neuen Kontinent ganz sachte heran: Eine Kopfjagd – Deutsche in Ostafrika. Ob das später eine Handbücherei mit Schwerpunkt Afrika wird, muss man abwarten. Themen kommen, Themen gehen.

 

Entdeckte Rezensionen

freiburg-postkolonial.de Heiko Wegmann 11.06.07. Das ist eine sehr sorgfältige, fast liebevoll geschriebene Rezension, sechs Jahre nach Erscheinen des Bandes geschrieben!

Wegmann sieht in dem Buch einen vielfältigen, gut lesbaren Abriss der schaurigen Realität deutascher Kolonialgeschichte in Ostafrika, die von zahllosen Eroberungs- und Strafexpeditionen geprägt war. Das Werk sei eine gut geschrieben wie überzeugende Entlarvung deutscher Kolonialgeschichte (und so ist es auch).

Aus der Rezensionsnotiz der ZEIT v. 04.10.01: Mkwawas Kopf war eine bedeutende Trophäe für die Deutschen, und so wanderte er ins Bremer Überseemuseum…das ganze sei ein “gut lesbares Geschichtsbuch”, das eine breite Leserschaft finden werde. (Gab aber keine 2. Auflage meines Wissens)

Perlentaucher-Notiz zu einer Rezension der SZ, die ich aber nicht fand: Das Autorenduo wäre besser bei dem Kopf des Häuptlings geblieben und sei blind in eine Kontinuitätenfalle getappt, von der Enthauptung Mkawas geradewegs zu den Menschenversuchen in Auschwitz. (Kapitel Afrika-Pläne der Nazis hab ich selbst hier durchaus vernachlässigt, da gibt es noch ein anderes Werk, das hier bald erscheint)

 

 

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