Die Truppe wird bunter

Streitkräfte und Minderheiten

NOMOS Baden-Baden 2012  209 S.

Herausgegeben vom AMS und von Chance Schweiz

Die Truppe wird bunter

Die aktuell wohl wichtigsten Artikel:

Gerhard Kümmel: Die Minderheiten, das Fremde und das Militär: Eine Einleitung

Es geht in immerhin 17 Seiten um Politisierbarkeit von Identitätsfragen, recht viel soziologische Theorie mit umfangreichem Literaturverzeichnis allein für diese Einleitung und um die Zunahme des Anteils eingebürgerter Deutscher in der Bundeswehr. (aber Vorsicht: Anspruchsvoller soziologisch orientierter Fachaufsatz, für viele Leser aus der Truppe werden die einzelnen Arbeiten weiter unten einfach naheliegender sein)

Paul Klein: Jüdische Soldaten in Deutschland in der Vergangenheit und heute

(vgl. dazu unbedingt Bryan Mark Rigg: Hitlers jüdische Soldaten, in unserer Handbücherei)

Maren Tomforde: Muslime in der Bundeswehr

Da geht es um Integrationsgrade und Anpassungsstrategien

Georg Eichhorn: Integrationsprozesse von Menschen mit Migrationshintergrund

(Bw-bezogen)

Peer Uhlmann u. Wolfgang Scheel: Der Umgang mit Homosexualität als Indikator für die ethische Qualität einer Gesellschaft

Ein Militärpfarrer (W. Scheel) und der Sprecher des Arbeitskreises homosexueller Angehöriger der Bundeswehr e.V. (Uhlmann) stellen fortbestehende Akzeptanzprobleme im Alltag fest, berichten aber auch von Fortschritten wie dem AGG (2006) und erklären uns den Begriff “Queers”, der auch noch andere sexuelle Minderheiten einschließt. Was machen wir aber, wenn die Mehrheit sich mit dem Begriff “Queers” gar nicht auseinandersetzen will, weil sie dazu die Schultern zuckt? Leute, hört her: Die Lage der Schwulen in der Bw hat sich dramatisch verbessert, es gibt Gesetze und Vorschriften, Befehle und Erlasse zum Schutz und die kann man heutzutage dem Homophoben um die Ohren schlagen, das sollte man im Ergebnis nicht gering schätzen, auch wenn der Anstoß zu der erfreulichen Entwicklung nicht von Deutschland ausging, hier hatte Europa gewirkt!

Es ist richtig, wenn die beiden Autoren darauf hinweisen, dass keine andere Minderheit/Opfergruppe des Nationalsozialismus durch Gesetze der Bundesrepublik bzw. Entscheidungen der Bundeswehr so verfolgt wurde wie diese. Aber jene Zeit ist jetzt Vergangenheit. Bei der Einweihung des Denkmals für die in der Nazizeit ermordeten Homosexuellen war ich nach Einladung eines Staatssekretärs in Oberstleutnantsuniform  dabei und das sogar mit ausdrücklicher Uniformtragegenehmigung für diese politische Veranstaltung! Natürlich fehlte noch der Kranz des Generalinspekteurs für die in der Wehrmacht zu Tode gekommenen Leidensgenossen, aber irgendwas wird immer fehlen, vielleicht kommt das ja noch. ML

Ein großer Grundlagenartikel, der zumindest im deutschen Sprachraum hinsichtlich dieser Thematik seinesgleichen sucht, ist auch der längste dieses Bandes und wurde geschrieben von Johanna Lousie Thiel (Wien):

(Homo-)Sexualitätspolitiken im Militärischen: Zwischen Heteronormierung, Gewalt und umkämpfter Einbindung

Reden wir nicht lange drumherum: Die Autorin (Doktorandin im Initiativ-Kolleg “Gender, Violence and Agency in the Era of Globalization” der Universität Wien) hat hier ein Meisterwerk abgeliefert! Das hätte deutschsprachig von der Fachkenntnis her so nur der Soziologe Prof. Dr. Dr. Rüdiger Lautmann schreiben können, aber der mag die ganze Bundeswehr überhaupt nicht, da ginge man besser nicht hin, er wäre da schließlich auch nicht gewesen, also von ihm war und ist nichts zu erwarten, der Mann will schließlich nicht die Kampfkraft stärken.

Thiel geht von den Ordnungsprinzipien Michel Foucaults in “Sexualität und Wahrheit” aus und wendet sich dann der Männlichkeitsforscherin Raewyn Connell zu, die Homosexuelle als soziale Konstruktion auffasst. Zügig kommt die Autorin dann zu Länderstudien und zu den gesellschaftspolitischen Kämpfen in den USA, wo die Definitionsmacht darüber, wer oder was unter Homosexualität gefasst wird, allein bei der Militärführung liegt. Sie berichtet von heteronormativer militärischer Praxis und deren Legitimationsstrategien. Bereits im 2. Weltkrieg – (sogar in der Wehrmacht noch 1944! ML) gab es Studien, welche zu dem Ergebnis kamen, dass Homosexualität in keiner Weise unvereinbar mit dem Militärdienst sei, aber noch 1957 wurde ein entsprechender Report der US-Luftwaffe für 25 Jahre unter Verschluss gehalten.

Thiel berichtet über Frauen, die sich nicht auf sexuelle Avancen ihrer männlichen Kameraden einliessen und deshalb in den Ruf gerieten, lesbisch zu sein. Diese Gerüchte reichten oft schon für die Entlassung. Ein Abschnitt befaßt sich mit sexueller Belästigung von Soldatinnen, bei einem anderen geht es um die juristisch durchgesetzte Zulassung von Homosexuellen in Großbritannien. Auch die Verhältnisse in den Niederlanden und in Israel werden sehr ausführlich dargestellt.

In der Bundeswehr wurde bis 2000 weniger eine praktizierte Homosexualität als Problem angesehen (Alkoholeinfluss galt stets als mildernder Umstand!), vielmehr war es eine verteidigte selbstbewußte homosexuelle Identität, die oft zu Entlassung führte. Das änderte sich zunächst zögernd ab 1999 mit einzelnen Urteilen der Verwaltungsgerichtsbarkeit, vor allem aber fast gleichzeitig mit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) im Fall Lustig-Prean und Beckett gegen das Vereinigte Königreich , was nach hartnäckig verfolgter Erörterung im Bundestag (immerhin) gegen hinhaltenden Widerstand Minister Scharpings zur Änderung der Rechtslage in der Bundeswehr ab Juli 2000 führte. Ende 2000 wurde dann eine “Führungshilfe Umgang mit Sexualität” durch den Generalinspekteur Kujat nachgereicht: Toleranz gegenüber nicht strafbewehrten sexuellen Orientierungen! Zu dieser Führungshilfe kamen dann später noch zwei Ergänzungen der ZDv 14/3 B 173 hinzu, bereits im Jahr 2004 wurden einvernehmliche sexuelle Kontakte außerhalb der Dienstzeit selbst auf militärischem Gebiet, also in Kasernen, nicht mehr verfolgt. Sexuelle Orientierungen unterlagen jetzt nicht mehr der Bewertung durch Vorgesetzte, das Kameradschaftsgebot hatte insofern Priorität. Das schließt nicht aus, dass Sexualverhalten von Soldaten in bestimmten Fällen auch heute noch disziplinarrechtlich relevant werden kann, fragen Sie bei Bedarf Ihren Rechtsberater!

Das Literaturverzeichnis ist imposant, vor allem benennt die Autorin am Schluß die Rechtsquellen und Fälle mit allen Aktenzeichen. Thiel weist hin auf einen Artikel von Andreas Heilmann zur Führungshilfe des Generalinspekteuers: “Helm ab zum Sex!” in der (inzwischen eingegangenen) Zeitschrift für sexuelle Emanzipation namens GiGi (Heft 18 2002). Der wichtigere Artikel in dem Heft zu der Thematik ist aber der von Florian Mildenberger: “Vögeln für Volk und Vaterland”. Nun aber genug von der schwulen Sexualsoziologie, sonst beschweren sich wieder die Heteros.

Das Straßburger Urteil 1999 – das europaweit Rechtsgeschichte schrieb! – gibts übrigens auch deutschsprachig. Im englischen Originaltext sind das 47 Seiten.

 

Inhaltliche Zusammenfassung

Das Buntere, dieses Mehr an Farbe werde von den einen ausdrücklich begrüßt, andere seien skeptischer, sagt der Herausgeber des Bändchens in der Einleitung. Der Sammelband bringt 11 Beiträge einer AMS-Tagung in Erkner 2009. Manche Bücher brauchen Zeit, sagt der Herausgeber und hofft, dass das Warten sich gelohnt habe. Bei Sammelbänden muss man manchmal leider auf den letzten Autor warten, meint er wohl. Lohnende Lektüre aber allemal, sonst würden wir das hier nicht einstellen.

Da geht es zunächst um Christen in römischen Truppen, um Polen in der preussischen Armee, um Kolonialtruppen im 1.Weltkrieg, um Freiwillige in der Waffen-SS und um Deutsche in der Fremdenlegion, also meist um Vergangenheit. Kalkül war damals stets Stärkung der Kampfkraft, für die die Eigenheiten der Minoritäten dann eben in Kauf genommen wurden. Frage: Ist das heute anders?

Noch spannend aktueller und damit interessanter wirds dann hinsichtlich Gegenwart und Zukunft auf die Bundeswehr bezogen: Wie ist die Stellung von Muslimen und Juden in der gegenwärtigen Truppe, wie geht es in dieser Menschen mit Migrationshintergrund und wie wohl können sich eigentlich inzwischen Homosexuelle in der deutschen Armee fühlen, sagen wir mal, sind Tunten überhaupt möglich bei bei deutschen Fallschirmjägern? Es geht hier insgesamt um die Frage, wie die pluralistische Gesellschaft mit dem sich abweichend verhaltenem Individuum umgeht. Und um widerständige und abweichende Praxen, quer zu militärischen Hierarchien.

Der Band ist eigentlich Pflichtlektüre für Einheitsführer oder sollte zumindest Grundlage einer Offizierweiterbildung sein – falls unsere Truppe für sowas überhaupt noch Zeit hat, Zweifel sind erlaubt. Denn über gesetzliche Grundlagen ds Dienstes Homosexueller in den Streitkräften scheint bei den Soldaten, wie man hört, wenig bekannt zu sein. Grund für uns, im Rahmen dieser Buchvorstellung literarischen Appetit auf den Beitrag von Johanna Louise Thiel zu wecken.

Entdeckte Rezensionen

“Portal für Politikwissenschaft  Sebastian Liebold  24.01.13 Truppe bunter”: Aussagen über die amorphe Mehrheit suchen die Leser vergebens, meint er. Aber das Buch behandelt Minderheiten. Sucht der Leser da denn was über die Mehrheit?

 

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