Die Logik der Waffen

Westliche Politik im Orient

Orell füssli Zürich 2012   244 S.

TILGNER, Ulrich

Die Logik der Waffen

Wichtige Passagen

Im Wesentlichen sind es zwei Buchhälften:

I. Krisenregion Mittlerer Osten und Nordafrika

Zunächst geht es um den Atomkonflikt mit dem Iran, um den Bürgerkrieg in Syrien und um den Arabischen Frühling. Für Tilgner steht fest, dass es für die USA vorrangig darum ginge, die islamische Ordnung im Iran zu stürzen und (wieder) westliche Verhältnisse zu etablieren. Das sei aber kontraprodutiv, die USA verlören unter Obama weiter an Einfluss im Mittleren Osten und Nordafrika., sie hätten nicht mehr die Macht, diese Gebiete längerfristig kontrollieren zu können. Wenn es einen neuerlichen Krieg gebe, werde der nicht auf das angegriffene Land beschränkt bleiben. Der Westen müsse auf den Iran zugehen, die Strategie der Wirtschaftssanktionen und der Morde und Anschläge in Iran selbst werde nicht aufgehen.

II. Elf Jahre US-Kriege im Orient 

Tilgner zieht hier sein Fazit der Kriege in Afghanistan, Irak und Libyen und geht auch auf die Machtverschiebungen im Orient ein, er sieht die Positionen Saudi-Arabiens und Irans als gestärkt an. Schließlich geht er auf neue militärische Entwicklungen ein, Drohnen würden zu einer Aushöhlung des humanitären Völkerrechts und der Menschenrechte führen.

Was die drei Kriege betrifft, ist sein Urteil nahezu vernichtend. Tilgner hat dreissigjährige Erfahrung als Kriegskorrespondent! Das Buch liest sich für einen Informationswilligen viel klarer strukturiert und thematisch zielgerichteter als z.B. die Bände von Scholl-Latour. Tilgner beklagt das vielfache Leid und die erfolgte Zerrüttung dieser Staaten. Von funktionierenden Zivilgesellschaften können dort überhaupt nicht die Rede sein, auch seien “militärische Mittel ungeeignet, um Demokratie zu exportieren.”

Inhaltliche Zusammenfassung

So steht es im Klappentext: Der Westen hat es nicht geschafft, im Mittleren Osten Zivilgesellschaften aufzubauen. Die militärischen Erfolge existieren vor allem in Politikerreden. Ulrich Tilgner zeichnet die Spur des Scheiterns westlicher Politik nach, wie oben schon beschrieben.

Und  das Buch des Schweizers schließt im allerletzten Absatz zusammengefaßt wie folgt: Die Kriege in Afghanistan und Irak mit Ausbreitung des Drohenkrieges und dem Beginn des Cyberkrieges zeigten, wie überfällig neue Regelwerke und Konventionen seien. Aber weder die Vereinten Nationen noch das IRKK hätten bisher die notwendigen Initiativen ergriffen. Ergreifend der letzte Satz des Buchs:

“Von den Staaten des Westens, die traditionell für sich in Anspruch nehmen, für die Wahrung der Menschenrechte einzutreten, sind derartige Initiativen nicht zu erwarten, weil diese Länder mit ihrer Politik und ihrem militärischem Vorgehen dazu beitragen, das humanitäre Völkerrecht und die Menschenrechte auszuhöhlen.”

Man muss heute wohl Schweizer sein, um sowas so klar aussprechen zu dürfen…

 

Entdeckte Rezensionen

Portal für Politikwissenschaft  Jan Achim Richter  07.03.13

SZ  Michael Lüders  20.11.12 (als Teil einer Sammelrezension von 5 Werken)

Verband für Internationale Politik und Völkerrecht e.V. Berlin (VIP)  Dr. Heinz-Dieter Winter, angegebene Quelle ND v. 17.01.13. Schließt mit dem Fazit: “Wer das neue Buch von Ulrich Tilgner liest, versteht die Situation in der Krisenregion am Mittelmeer und am Golf besser als nach den täglichen Medienberichten. Es liest sich auch fast wie ein Kommentar zu den gleichfalls bisher vergeblichen Interventionen westlicher Staaten im Herzen Afrikas.” Da stimme ich völlig zu.

Dann gibt es noch ein hochinteressantes Interview von Ulrich Tilgner mit Ursula Pidun in der SPREEZEITUNG v. 06.12.13, aus den Antworten auf die Fragen sei hier mal zitiert:

“Dieser Krieg gegen den Terror ist gescheitert. Militärisch kann man Terror gar nicht begegnen…..Der derzeitige US-Präsident scheint getrieben von der Idee, den zunehmenden Machtverlust der USA noch aufhalten zu können. Praktisch versucht er, andere Staaten für seine Zwecke einzusetzen und zu benutzen….Cyberkrieg und die Automatisierung des Militärischen mit Robotern und Drohnen werden die Zukunft prägen. Die USA arbeitern daran, bis 2035 große Teile der traditionellen Kriegsführung automatisieren zu können. Der Einsatz von Drohnen und Robotern bildet heute erst den Anfang.”

Auf die Frage, ob die eiserne Regel, dass Deutschland sich aus aktiven Kriegsbeteiligungen heraushalte, nicht nur Risse bekomme sondern aktiv gebrochen werde, antwortet Tilgner:

Die Bundeswehr wird zu einer weltweit einsetzbaren Freiwilligenarmee ausgebaut.

Frage: Wie groß sei seine Hoffnung, dass sich Deutschland rückbesönne und eine Kehrtwende einleite, auch, um anderen als Vorbild zu dienen? Antwort des Schweizers:

“Für eine Rückbesinnung fehlen das Bewusstsein und die politischen Kräfte. Leider sind Kriege für die meisten Deutschen ein Phänomen der Geschichte. Die Greuel und das Leid der Kriege geraten immer weiter in Vergessenheit. Und jetzt wird die Kriegführung auch noch Spezialisten übertragen und damit immer weiter aus dem Bewusstsein der Bürger gerückt. Der Staatsbürger in Uniform droht auszusterben und diese Entwicklung wird nicht einmal bedauert.”

 

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