Die Geschichte von Abu Ghraib

Untertitel

Carl Hanser Verlag 2009  300 S.

GOUREVITCH, Philip und Errol Morris

Die Geschichte von Abu Ghraib

Wichtige Passagen

Das Buch ist in die drei Teile I Vorbereitungen, II Vollzug und  III Nachbereitung gegliedert.

Der Teil I hat u.a. zum Inhalt die (Un-)Verbindlichkeit der Genfer Konventionen und die Aktenvermerke, was dafür und was dagegen sprach, einer ganzen feindlichen Streitmacht kollektiv und nicht auf Einzelfallbasis den Status als Kriegsgefangener abzusprechen. Hier wird aber auch vom Totprügeln von Gefangenen in Bagram/Afghanistan berichtet, die man unter den Augen amerikanischer Offiziere so zugerichtet hatte, dass man ihnen im Überlebensfall die Beine hätte amputieren müssen. Diese Morde (wie die Autopsien ergaben) hatten dort Wärter der Militärpolizei durchzuführen. Der weibliche US-Hauptmann Wood, der dort dafür verantwortlich war und schon bei der NATO-Stabilisierungtruppe in Bosnien-Hewrzegowina dabei war, war nun in den Irak versetzt worden und wurde zum zuständigen Offizier für die Verhörmethoden ernannt. Selbsteinschätzung: “Ich meine, dass ich in den Verhörmethoden und -techniken sehr bewandert bin.” Diesen Zusammenhang mit fürchterlichen Einzelheiten finden wir auf der S. 50

Im Teil II (mit knapp 200 Seiten sozusagen Hauptteil des Werks) geht es eingehend um die angewandten Praktiken: Wenn das Tigerteam einen Häftling in die Mangel nehmen wollten, brachten ihn die MP zum “Holzplatz”, Verhörbuden aus Sperrholz, mit Metallringen, an denen man Fesseln befestigen konnte und mit Einwegscheiben für interessierte Zuschauer. “Man hörte dann stundenlang nur Schreien, Klatschen und Schlagen und weiteres schrilles Schreien, und wenn sie dann acht oder zehn Stunden später den Jungen wieder rausbrachten, war er entweder nicht mehr ganz bei sich oder bewußtlos.”  ”Wir steckten die Leute in Mülltonnen und füllten diese mit Eiswasser auf”. Das wurde den Vernehmern alles so vorgegeben, wie sie berichten.

Der Teil III besteht dann noch aus knapp 20 Seiten. Es wird wieder auf die Veröffentlichung der Bilder eingegangen und erschienene Artikel, z.B. im “New Yorker” .

Hier wird dann ausführlich über Verantwortlichkeiten, Degradierungen und Strafverfahren informiert und auch über den US-Präsidenten, der “die Demütigung der irakischen Häftlinge und ihrer Angehörigen” bedauerte und auch noch sagte, dass Menschen diese Bilder sähen und das wahre Herz Amerikas nicht verstünden. Kein Soldat oberhalb des Rangs eines Sergeanten erhielt eine Haftstrafe, niemandem legte man Folter, Kriegsverbrechen oder Verstöße gegen die Genfer Konventionen zur Last, ohne Fotos kein Delikt!

Inhaltliche Zusammenfassung

Nachdem die Öffentlichkeit 2004 Bilder sah, auf denen irakische Häftlinge gefoltert wurden, galt der Krieg als außer Kontrolle geraten. Die Autoren haben die Sache in allen Facetten untersucht, also auch all das, was die Fotos gerade nicht zeigen und das Buch dokumentiert schonungslos die Verbrechen, die dort im Namen des freien Westens begangen worden sind. Aus vielen Interviews und Dokumenten wurde hier ein aufrüttelnder Text formuliert. Der TS-Rezensent Schwenger sagt dazu am Abschluss seiner Besprechung: Wer sich die schlimmsten Details ersparen will, muss dieses Buch nicht lesen. Wer sie erträgt, sollte es lesen.

Abu Ghraib, 30 km westlich Baghdad gelegen, war Verhörzentrum des US-Militärnachrichtendienstes. Die Verhörspezialisten waren Herren des Verfahrens. Der Kommandeurt von Guantanamo, Generalmajor Miller, der eintraf, um schnell verwertbare Informationen aus den Internierten herauszuholen, wies die Wärter mündlich an: “Sie müssen die Gefangenen behandeln wie Hunde.” Wir wissen von den Bildern, dass das wortwörtlich befolgt wurde.

Die Autoren zitieren aus einer Anfrage des Weißen Hauses ans Justizministerium, wie weit die Verhörmethoden gehen dürften. Der stellvertretende Generalbundesanwalt antwortete, als Folter gälten nur äußerste Gewaltanwendung, schwere Verletzungen oder Todesqualen.

Immerhin kam es später doch noch zu Gerichtsverfahren, verurteilt wurde aber nach einer eigenartigen Logik nur, wer auf den BILDERN zu sehen war oder dabei war, als diese gemacht wurden. Die unteren Ränge, die eigentlich selbst Opfer waren, wurden zu Sündenböcken gemacht, die oberen liess man laufen. Auch diese Zusammenhänge werden am Schluss des Buches ohne Sensationsgier rekonstruiert. Das Buch kommt ganz ohne Fotos aus und wirkt allein durch seine Sprache dennoch überzeugend. Die Rekonstruktion der bizarren Beziehungen des inneren Täterkreises untereinander findet der NZZ-Rezensent Leuchtenmüller “erschreckend – und gut gelungen.”

Entdeckte Rezensionen

TAGESSPIEGEL Hannes Schwenger  15.06.09  ”Behandelt sie wie Hunde”

NZZ Thomas Leuchtenmüller 30.05.09 “Schreckensbilder und ihre Hintergründe”

Es sind etliche weitere Besprechungen verfügbar.

 

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