Die einzige Weltmacht

Amerikas Strategie der Vorherrschaft

Beltz Quadriga Weinheim und Berlin 1997 (hardcover) auf das sich hier die Seitenangaben beziehen, abgebildet ist eine Fischer-Ausgabe, vmtl. 8.Aufl. 2004


Die einzige Weltmacht

Wichtige Passagen, aber eigentlich ist das ganze Buch ungeheuer spannend und inhaltsreich beschrieben, kann man sehr gut von vorn bis hinten im Zusammenhang lesen, zumal etliche Karten und Skizzen alles gut verständlich erscheinen lassen:

(Wers noch erwischt antiquarisch (ist aber so oder so ein Muss für den geopolitisch interessierten DSler): Unbedingt die hardcover-Ausgabe von Beltz Quadriga, mit der US-Flagge auf dem Schutzumschlag und einem Vorwort von Hans-Dietrich Genscher).

Einleitung: Supermachtpolitik

S.  26: Die einzige Weltmacht

S.  44: Das globale Ordnungssystem der USA

S.  53: Das Eurasische Schachbrett

S.  66: Geostrategische Akteure und geopolitische Dreh- und Angelpunkte

S. 109: Amerikas zentrales Ziel

S. 123: Europas historischer Zeitplan

S. 131: Rußlands neue geopolitischer Rahmen

S. 181: Eurasischer Balkan und ethnischer Hexenkessel

S. 219: Der fernöstliche Anker

Auf S. 65 meiner Ausgabe kommt er übrigens auf den Punkt, der unsere Wenigkeiten betrifft, indem er – und das ist nun mal original  Brzezinski – die drei großen Imperative imperialer Geostrategie verlauten läßt:

Absprachen zwischen den Vasallen verhindern und ihre Abhängigkeit in Fragen der Sicherheit zu bewahren, die tributpflichtigen Staaten fügsam zu halten und zu schützen und dafür zu sorgen, daß die “Barbaren”-Völker sich nicht zusammenschließen.

 

Inhaltliche Zusammenfassung

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion existierte nur noch eine Supermacht auf dieser Erde. Was bedeutet dieses Faktum für Amerika und den Rest der Welt, insbesondere für Deutschland und Europa? Am Ende des Werks meint der Autor, die Konzentration hegemonialer Macht in den Händen eines einzigen Staates werde auf Dauer gesehen immer weniger in die weltpolitische Landschaft passen. Amerika sei nicht nur die erste und einzige Supermacht, sondern wahrscheinlich auch die letzte.

(Das könnte aber nennenswert fraglich sein, fragt sich heute, nur anderthalb Jahrzehnte später, schon jeder aufmerksame Zeitungsleser skeptisch. Warten da nicht schon die neuen? Starke Staaten haben hohe Geburtenraten und als Bevölkerungsgeograph, der ich einer bin, macht man sich nicht nur Gedanken, sondern hat auch eigene Gewissheiten, mit denen ich hier besser niemanden behelligen will. Aber wir sprachen darüber bei der Weltbevölkerungskonferenz 1994 in KAIRO durchaus , der Stadt, in der ich meine Diplomarbeit verfaßte).

Zbigniew Brzezinskis schrieb sein berühmtes Schachbrettbuch 1997, nachdem die USA als „die einzige Weltmacht“ erschienen, wie ja auch das Buch heisst. Der Autor war von 1977 bis 1981 Sicherheitsberater von Carter, danach Professor für Amerikanische Außenpolitik in Washington. Am besten für den Ungeduldigen ist es, gleich das Kapitel 2 auf, S.53 „Das eurasische Schachbrett“ aufzuschlagen, Eurasien sei (Sicht 1997!) Amerikas geopolitischer Hauptgewinn, die globale Vormachtstellung Amerikas hänge davon ab, wie lange es sich in Eurasien behaupten könne. Ein Blick über die Landkarte genüge, um zu erkennen, dass die Kontrolle über Eurasien fast automatisch die über Afrika nach sich zöge. Eurasien sei das Schachbrett, auf dem der Kampf um die globale Vorherrschaft in Zukunft ausgetragen werde. Einer der prominentesten geopolitischen Theoretiker, Harold Mackinder (1861-1947), leistete Anfang des 20. Jahrhunderts Pionierarbeit, als er die Begriffe eurasische Zentralregion und ostmitteleuropäisches Herzland prägte. Dominanz auf dem eurasischen Kontinent sei Voraussetzung für globale Vormachtstellung. Sieht man sich die AFG Nachbarn in Reichweite an: China, Indien, Russland, Pakistan, Iran, die zentralasiatischen –stan-Staaten, und da ist es sicher nützlich, bei günstiger Gelegenheit sich in der Mitte festzusetzen, dadurch würde RUS an seiner Südgrenze mit US-Basen umstellt. Diese Theorie mit dem Herzland, sagt Hauke Ritz in einem lesenswerten Aufsatz, könnte aber auch ein Mythos sein, eine akademische Kopfgeburt, die – einmal in die Welt gesetzt – ein sonderbares Eigenleben führe. Denn schon die Domino-Theorie, nach der ein sozialistisches Vietnam alle übrigen Staaten Südasiens zum Übertritt ins andere Lager bewegen würde, hätte sich als geopolitische Theorie nicht bewährt, was 50.000 Amerikaner und 3,5 Mio. Vietnamesen das Leben gekostet hätte.

Sensationell ist ja jetzt Brzezinskis neues Buch (2012) mit dem Titel „Strategic Vision“, bisher nur in Englisch, ich sahs bei Dussmann in Berlin, wo er als mit 85 inzwischen Hochbetagter eine umfassende Revision der Ausrichtung der US-Aussenpolitik fordert.: Für das Überleben des Westens sei es inzwischen zentral, Russland zu integrieren. Dieser Mann hatte sich früher an der Ausgestaltung des Kalten Krieges führend beteiligt, er liess die Russen in die afghanische Falle tappen und schrieb an Carter: „Jetzt haben wir die Möglichkeit, der UdSSR ihr Vietnam zu liefern.“ Er stand im Ruf, dass sein Hobby wäre, den Russen Schaden zuzufügen, er widmete sein ganzes bewusstes Leben diesem Kampf. Er dachte sogar laut über eine Teilung des Landes nach, in ein europ. Russland, einen sibirischen Teil und drittens einen fernöstlichen Teil.

Nun nimmt er Abstand von seinen Visionen. Gelänge es dem Westen nicht, mit Russland langfristig zu kooperieren, laufe er Gefahr, in der Welt isoliert zu werden. Sollten die USA oder die NATO im Nahen Osten einen weiteren Krieg beginnen, werde der Westen fast jeden Einfluss in der Region verlieren.

Damit bricht Brzezinski mit den Neokonservativen endgültig, die schon immer für offene militärische Expansion plädierten.. Schon 2007 ging er mit ihnen in seinem vorletzten Buch „Second Chance“ hart ins Gericht. : Der Krieg gegen den Terror sei in der islamischen Welt als Krieg gegen den Islam gesehen worden. Und er sieht Obama als die einzige Persönlichkeit, die den dringend erforderlichen Kurswechsel in der Außenpolitik durchführen könne.

 

Entdeckte Rezensionen und weitere Quellen für Interessierte:

Es gibt wirklich zahllose Besprechungen dieses Buchs leicht im Netz zu finden. Eigener Vorschlag:

FAZ 26.11.97 Volker Rühe: “Stabilität als ein neues Gleichgewicht”

buchtips.net/ Brzezinski: ein guter Text mit dem Fazit: Ein Beispiel hervorragender geopolitischer Wissenschaft, wie sie in Deutschland erst wieder entstehen muß

Oliver Thränert Friedrich-Ebert-Stiftung Politik und Gesellschaft online 1/98

Wer tiefer einsteigen will in die Materie, ruft einen sehr langen Artikel von Hauke Ritz in www.Hintergrund. de v. 26.08.08 auf: Die Welt als Schachbrett – der neue kalte Krieg des Obama-Beraters Zbigniew Brzezinski

Dieser Artikel findet sich auch in den BLÄTTERN für deutsche und internationale Politik 7/2008 in gekürzter Form. Die Langfassung wiederum findet man auch online bei ag.friedensforschung

Von Hauke Ritz gibt es dann noch einen weiteren Artikel nach der erstaunlichen Wandlung dieses Buchautors z .B.: “Warum der Westen Russland braucht.” (BLÄTTER 7/2012)

Und Ritz hat noch einen geschrieben: Die Rückkehr der Geopolitik – eine Ideologie und ihre fatalen Folgen  BLÄTTER 3/2013. (Merkt Euch gleich den Namen, der ist noch jung und schreibt womöglich noch viel mehr und das macht er gut!).

Über den Autor des Buches und über das Buch gibt es jeweils eine WIKIPEDIA-Seite.

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