Command and Control

Die Atomwaffenarsenale der USA und die Illusion der Sicherheit

Beck Verlag München 2013  598 S.

SCHLOSSER, Eric

Command and Control

Wichtige Passagen

Das Buch kann gut von vorn bis hinten duchgehend gelesen werden, es besteht aus fünf Teilen

(Die Titan / Kontrollmechanismen / Es wird Unfälle geben / Außer Kontrolle / Damascus)

Jede Seite ist spannend, daher kein Schwerpunkt! Das geht hier so: Auf S. 117 rutscht ein Schraubenzieher ab, der blaue Blitz durchzuckt den Raum, er wußte um die Tödlichkeit der Strahlendosis, die Hände wurden rot, die Fingernägel blau, die Eltern wurden mit einem Militärflugzeug gleich eingeflogen zur Verabschiedung, eine Woche später war er tot.

Mit seiner Zustimmung wurde sein Sterben filmisch festgehalten…

In S. 286 bricht die B 52 in der Luft auseinander, die Bombe stürzt aus dem Flugzeug, Luftdruckschalter wurden schon ausgelöst, während sie wie vorgesehen am Fallschirm hing. Der Zeitschalter lief ab und aktivierte die Batterien. Alle Sicherheitsmechanismen hatten versagt. Bis auf einen. Die eine Bombe steckte mit der Spitze voran im Boden, der Fallschirm in den Baumästen, die andere bohrte sich 20 Meter tief mitsamt dem konzentrierten Uran in ein Sumpfgebiet…..

 

Inhaltliche Zusammenfassung

Wer gern hoch spannende Kriminalromane liest, findet hier wirklich für seine Nerven noch eine tolle Steigerung. Es sind wirklich haarsträubende Geschichten des Historikers Schlosser, die man nur am Vormittag lesen sollte, um abends eine Chance zum Einschlafen zu haben. Nichts für schwache Nerven, bei manchen hilft ja  Baldrian, 40 Tropfen aber mindestens. Ganz ohne Fußnoten, dafür mit 9 Seiten der Erklärung seiner Quellen,  11 Seiten ”unveröffentlichter Quellen” und 1 Seite “veröffentlichter Quellen”, dann fügt er noch ca. 15 Seiten “Briefe, Tagebücher, Memoiren und mündliche Berichte” an, um mit 6 Seiten “Artikel in Zeitschriften” fortzufahren. Wer bis dahin durchgehalten hat und erleichtert aufatmet, freut sich zu früh, denn es lauern noch 6 Dissertationen, und das ganze in Fachenglisch, Buch und Erklärung der Quellen aber in deutsch. Es macht sprachlos und ich glaube meine Kapitulation erklärend einfach an “Eine wahre Geschichte” (Umschlagankündigung).

Insgesamt geht es um die amerikanischen Atomwaffen, “tickende Zeitbomben”, um die Technik und die Menschen, die dahinterstehen. Es ist in der Summe die Geschichte der amerikanischen Atomrüstung, angereichert mit ATEMBERAUBENDEN Zwischenfällen, die passierten, aber bis heute kaum bekannt sind. Es schaudert beim Lesen, schreibt ein Rezensent, wenn man z.B. liest, wie über North Carolina die B 52 zerbrach und die Bombe programmgemäß freigesetzt wurde, es lag noch an einem einzigen Schalter, der verhinderte, dass die 4 Megatonnen mehrere Großstädte vernichteten…..

Beschrieben wird ein ausgeklügeltes System, dessen Pannen ggflls. den vorgesehenen nuklearen Angriff unmöglich machen , ihn andererseits versehentlich auslösen können.

Der amerikanische General George Lee Butler, letzter Chef des SAC, das mit den Bombern und Raketen die Trägersysteme bereitstellte, sagte nach der Auflösung des obersten US-Luftkommandos: “Mit einer Mischung aus Fachwissen, Glück und göttlicher Vorsehung, vermutlich aber vor allem letzterem, haben wir den Kalten Krieg ohne einen nuklearen Holocaust überstanden.”

Wer fachlich tiefer in die atomare Problematik einsteigen will, sei verwiesen auf:

Michael Brzoska, Götz Neueck: Vagabundierende Atomwaffen? Das sowjetische Arsenal nach 1991, in: Bernd Greiner / Tim Müller / Klaus Voß (Hg.): Erbe des Kalten Krieges, Studien zum Kalten Krieg Band 6, S. 274-292 Hamburger Edition 2013

im gleichen Band: Giorgio Franceschini: Die nukleare Modernisierung der USA, S. 244-262

Diese beiden Aufsätze habe ich in meinem 2013 in WEDEL am 06.08.13 als ehemaliger ABC-Abwehroffizier gehaltenen Vortrag bereits verarbeitet. Der Vortrag befindet sich auf der DS-Seite unter Meinungen und kann ausgedruckt werden. Das Buch von Greiner mit den beiden Aufsätzen wird demnächst hier sowieso vorgestellt, wie zwei andere aus der sechsbändigen Serie auch.

Entdeckte Rezensionen

FAZ 30.11.13: “Vorletzte Tage der Menschheit”. Ein langer Artikel zum Buch von Hans Ehlert. Überragend!

Deutschlandradio Kultur: Beitrag “Tickende Zeitbomben” vom 12.01.14  12.30 Uhr

von Sylke Tempel

amazon.de stellt das Buch anderthalbsseitig vor, als Fazit: Hochspannendes Buch, brillant geschrieben und voller bisher wenig und gar nicht bekannten Einblicken in eine eigene unheimliche Welt – wäre das alles doch nur nicht so verdammt wahr und furchteinflössend.

(ist es aber, ich wundere mich sowieso schon länger, in einer solchen Welt 69 Jahre alt geworden zu sein ML)

 

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