Blindlings ins Verderben

Der Bankrott der Atomstrategie

Rowohlt Taschenbuch Reinbek bei Hamburg 1987, 155 S.

MC NAMARA, Robert

Blindlings ins Verderben

Wichtige Passagen

Im ersten Kapitel  seines Essays beschreibt McNamara das Risiko eines Atomkrieges und meint, in den sieben Jahren seiner Amtszeit  kam man dem Krieg mehrfach gefährlich nahe. Er belegt das an mehreren Beispielen, so etwa beschreibt er die Situation, als die DDR im Auftrag  Chruschtschows die US-Konvois nach Berlin stoppte, da fragte McNamara einen hohen NATO-Befehlshaber, auf was man sich denn nun einrichten müsse. Antwort: Die machen A, wir B. Dann machen die C, wir D, dann sie E und wir F, aber dann sind sie gezwungen G zu tun. „Und was machen wir dann?“ Dann sollten wir Atomwaffen einsetzen. „Und wie werden sie reagieren?“ „Mit Atomwaffen!“ Damals hatten die USA 5000 Gefechtsköpfe, die Sowjets 300. Sicher, dass es trotz 17:1 für einen ausschaltenden Erstschlag reichte, war McNamara damals nicht. McNamara stellt hier fest, dass in jedem dieser Fälle Fehlinformationen und Fehleinschätzungen zur Konfrontation führte.

Im zweiten Kapitel beschreibt der Autor die ersten 50 Jahre des Atomzeitalters: Amerikanische und sowjetische Atomstreitkräfte und -Strategien 1940 bis 1990.

Im dritten Kapitel geht es um Atom-Mythen und er befürchtet, Fehleinschätzungen gefährdeten unsere Sicherheit. Die Sowjets hätten eine Erstschlagsfähigkeit und was immer die Sowjetführung sonst noch sei, verrückt sei sie nicht. Er sah, dass die wechselseitigen Ängste auf beiden Seiten anhielten. Und in einer Krise käme es darauf an, was die andere Seite glaube und nicht auf das, was objektiv wahr wäre.

In den beiden nächsten Kapiteln entwickelt er Alternativen zur Verringerung des Risikos.

Im abschließenden sechsten Kapitel spricht er über die Unverantwortlichkeit der Anordnung eines Ersteinsatzes. Die gegenwärtige Atomstrategie sei bankrott. Atomwaffen hätten nicht den geringsten militärischen Wert, außer, um den Gegner von ihrem Gebrauch abzuschrecken. Wir seien in eine gefährliche, absurde Konfrontation hineingeraten.

Inhaltliche Zusammenfassung

Mitte der 60er Jahre lagen NATO-seitig rund 7000 taktische Sprengköpfe bereit, kurze Reichweiten, man war nach der Kuba-Krise inzwischen von der Strategie der massiven Vergeltung zu der einer flexiblen Reaktion übergegangen, um Eskalationen zu verzögern.

In den 70er Jahren kamen dann auch NATO-Generäle und Admiräle zur Auffassung, jeder auch begrenzte Schlagabtausch hätte für den Westen schlimmere Folgen als für den Osten sowohl hinsichtlich Zahl der Opfer wie vom Ausmaß der Zerstörung. Man kam dann zur Überzeugung, es gebe gar keine sinnvolle militärische Verwendungsmöglichkeit für A-Waffen, ihr einziger Zweck bestünde darin, den Gegner vom Einsatz abzuschrecken. Der US-VertMin Melvin Laird (unter Nixon): “Diese Waffen sind für militärische Zwecke nutzlos!“

Unter den Präsidenten Kennedy und Johnson war der Autor 1961 bis 1968 Verteidigungsminister (und nicht Aussenminister, wie es hinten im Buch steht, grober Fehler)

Er setzt die vorstehenden Ansätze in diesem Essay mit seinen eigenen Gedanken fort

In diesem Amt hatte er entscheidenden Anteil an der Entwicklung der amerikanischen Atomstrategie “flexible response”. 1984/85 veröffentliche er zusammen mit George McBundy, George S. Kennan und Gerard Smith einen aufsehenerregenden Appell in der Zeitschrift Foreign Affairs. Die Autoren verurteilten das atomare Wettrüsten, das amerikanische SDI-Programm und sprachen sich nachdrücklich gegen die Option der NATO auf denm Ersteinsatz von Atomwaffen aus. 1986 sagte McNamara, das Überleben der Menschheit sei bisher allein glücklichen Zufällen zu verdanken.

Es ist die Frage, ob man zu der Thematik dieses alte Büchlein vorschlagen sollte. Dazu folgendes:

Als ich im Vorjahr am 06.08.13 in Wedel einen Vortrag zum Hiroshimatag halten sollte, hatte ich mich gründlich vorzubereiten (Der Vortrag auch mit aktuellen Zahlen Sachstand 2013 ist noch auf der DS-Seite unter Meinungen zu finden). Aus der gesamten Literatur habe ich keine überzeugendere Quelle gefunden, die das Denken der damaligen Zeit so konzentriert vermitteln konnte. Wer sich in die Problematik des Einsatzes von Atomwaffen erst einzuarbeiten hat, kommt hier zu einem raschen Überblick über die grundlegenden Gedanken. Das sage ich fachlich auch als ehemaliger ABC-Abwehroffizier und Leiter von ABC-Meldezentralen in den entsprechenden Stabsrahmenübungen.

Hinzu kommt, dass durch die Änderungen der NATO-Strategien und die bestehende Situation der Proliferation das Buch durchaus wieder aktuell geworden ist. Und darum gehört es in die Handbücherei des Darmstädter Signals.

Entdeckte Rezensionen

Rezensionen sind keine zu erspähen, die konnte man damals wohl noch nicht ins Netz stellen.

 

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