Berlin – Ostbahnhof Europas

Russen und Deutsche in ihrem Jahrhundert

Siedler Berlin 1998   366 S.

 

SCHLÖGEL, Karl

Berlin – Ostbahnhof Europas

Eindrucksvolle Passagen

Asien beginnt am Schlesischen Bahnhof. Dieses Kapitel über den Bahnhof als Geschichtsort nimmt einen sofort gefangen! Die Gleise nach Potsdam nagelte man für Stalins Sonderzug auf russische Spurbreite um. Und wir erfahren viel über utopische Pläne Hitlers, Zugsysteme mit vier Metern Spurbreite und fünf Metern Höhe zu konstruieren.

 

Sowjetische Botschaft Unter den Linden 7: Krimsekt-Empfänge und opulente Essen mit viel Kaviar und Wodka und mit Toasts auf Hitler und Stalin, von Ribbentrop und Molotov waren dabei, und wenns Fliegeralarm gab, wurde Molotov durch von Ribbentrop zu weiteren Unterredungen in seinen Luftschutzkeller eingeladen…“Im großen Raum der Sowjetbotschaft drängten sich unter den Augen des spöttisch lächelnden Lenin Diplomaten jeder Kategorie, Professoren aller Fakultäten, die halbe deutsche Generalität.”

“Alle versuchten, unter heftigem Gebrauch der Ellenbogen und über die Köpfe der vorne Stehenden zum Kaviar zu gelangen, zu den großen Kristallschüsseln voll Kaviar, zu dem geräuchertem Stör und zu den Kannen mit Wodka.”

 

Nikolai Krestinski und Graf von der Schulenburg: Diplomatie als Verrat 

Faszinierende Beschreibung des Diplomatenlebens  beider Seiten. Das Land, das die Diplomaten bei ausgedehnten Reisen kennengelernt hatten, erlebten sie nun als Schlachtfeld. Die traurigen Liquidationsumstände beider Botschafter beenden diese Geschichte.

 

“Raum als Schicksal”: Die Internationale der Geopolitik

Die Zeitschrift für Geopolitik – Oskar Ritter von Niedermayer – Geopolitik der Komintern

 

Die Intimität der Generale: Deutsch sowjetische Militärbeziehungen

Im 2. Weltkrieg trafen Führungsgruppen aufeinander, die sich gut kannten. Am 1. Mai 1945 – am Reichstag wurde noch gekämpft – teilte General Krebs – Ritterkreuz um den Hals – dem russischen General Tschuikow auf dessen Gefechtsstand in Tempelhof mit, daß Hitler am Vortag Selbstmord begangen hatte. Krebs war nicht irgendwer. Er war Hitlers letzter Generalstabschef des Heeres, war 1939 Militärattaché in Moskau gewesen. Stalin hatte ihn mal zur Seite genommen und ihm gesagt: “Wir wollen doch Freunde bleiben, was immer auch kommen mag.” Krebs ging am 1.Mai 1945 mit der Kapitulationsforderung Tschuikows auf abenteuerlichen Wegen noch einmal in die Reichskanzlei zurück, wo sich Goebbels mit seiner Familie am Abend des gleichen Tages tötete. Auch Krebs erschoss sich an diesem Abend.

Auch Generalfeldmarschall Keitel, der in Karlshorst die Kapitulationsurkunde unterzeichnete, war ein alter Bekannter, er hatte 1931 einer Truppenamts-Delegation in der Sowjetunion angehört. Hauptleute und Majore der Reichswehr wie Guderian, Paulus und Hoth kamen als Generäle 1941 in ein Land, das sie aus eigener Anschauung kennengelernt hatten, von Manstein kannte den Kaukasus, er kannte Moskau und Charkow. Schwerpunkte der Kooperation waren die Kampffliegerschule von Lipezk, die Panzerschule von Kasan und das Gastestgelände Tomka an der Wolga, Unternehmen Barbarossa war am 22.06.41 beginnend eine Reise in bekanntes Gelände… Ein ganz spannend geschriebenes Kapitel, dieses.

Von der Vergeblichkeit eines Professorenlebens: Otto Hoetzsch und die deutsche Rußlandkunde

1945 kehrte Otto Hoetzsch an die Berliner Universität zurück und sammelte in seinen letzten Lebensmonaten, was von seinem Lebenswerk geblieben war.

Inhaltliche Zusammenfassung

Karl Schlögel erzählt in diesem Buch 15 von mir (aber ich bin als im Krieg in Berlin geboren Partei) als sehr spannend empfundene Geschichten, die man jeweils sehr gut für sich lesen kann und manche liest man immer wieder…. Es geht um die politisch-diplomatische Zusammenhänge und um kulturelle und geistige Beziehungen zwischen Russen und Deutschen. Dabei läßt der Autor einen “Hauch von Wehmut” über die untergegangene Welt des russischen Exils in Berlin erkennen, wie ein Rezensent schrieb, eine Rezensentin meint, er ließe sich durch Sympathie für seinen Gegenstand getragen zu einer allzu euphorischen Sicht hinreissen und er blende vollkommen aus, dass die zivilen Verkehrsformen der bürgerlichen Welt schon durch den 1. Weltkrieg erschüttert und zerstört wurden. Man kann natürlich alles zerreden. Liest man das Buch, hat man das Gefühl, der Mann weiß viel von dem, worüber er schreibt, kein Wunder:

Schlögel lehrt osteuropäische Geschichte an der Europa-Universität Vladrina in Frankfurt/Oder. Er hatte schon zuvor durch umfangreiche Darstellungen zur Geschichte Moskaus und St.Petersburgs von sich reden gemacht. Sein Buch “Promenade in Jalta” hab ich hier neulich schon vorgestellt. Die Beiträge im Buch sind sehr gut zu lesen gerade auch von Leuten, die keine Experten in russischer Geschichte sind, und mit besonderem Gewinn werden Berliner das Buch zur Hand nehmen und nicht mehr aus der Hand legen, versprochen, sie kennen ja die Straßen und Plätze, wo das alles spielte. Was für eine nahe, direkte, ergreifende Sprache! Und was für eine Materialfülle!

Man erfährt in diesem Buch, dass nach Angriff auf die UdSSR am 22.06.41 das Operationsgebiet für viele hohe Wehrmachtsoffiziere keine terra incognita war, weil sie in den zwanziger Jahren dort gemeinsame Manöver mit den Russen durchführten. Ernst Jünger war auf den Empfängen der sowjetischen Vertretung Unter den Linden zu Ehren des Jahrestages der Oktoberrevolution dabei. Die sowjetische Botschaft war eine wichtige Begegnungsstätte auch für konservative Kreise der Reichswehr. Wir erfahren viel darüber, was hier hinter den Kulissen stattfand. Ausführlich werden die deutsch-sowjetischen Militärbeziehungen beschrieben, so noch nirgendwo gelesen. Und wir erfahren Genaueres über das Ende der Botschafter beider Länder während der Zwischenkriegszeit: Nikolai Krestinski fand sein Ende in Stalins Lagern, Graf Schulenburg, der bei der Kriegserklärung in Moskau von Stalin gefragt wurde “Womit haben wir das verdient?” wurde zusammen mit den Attentätern des 20. Juli 1944 hingerichtet.

Das Buch beginnt mit der Rolle des Schlesischen Bahnhofs, der ein wichtiger Ankunftspunkt für Russen war. Das ist der heutige Ostbahnhof. Von hier fuhren auch viele deutsche Soldaten nach dem Urlaub wieder an die Ostfront zurück, für viele wars der letzte Urlaub. Ein Ort vieler endgültiger Abschiede…

 

Entdeckte Rezensionen

Zwei ausführliche Rezensionen, die den Inhalt des Buches, das ich ganz und gar las, zutreffend erfassen sind

BerlinerLeseZeichen Ausgabe 2/99  Ursula Reinhold  ”Berlin als Ort russisch-deutscher Begegnungen”

HSozUKult  Jan C. Behrends  24.02.99

Eine gehässige und m E. sehr ungehörige Besprechung liefert Susanne Kusicke in der FAZ v. 09.06.99: “Gebrauchsanweisung”

Diese “Rezensentin” verpackt ihre abweisende Meinung wie in einen Beipackzettel für ein Medikament: “Bitte lesen sie folgende Gebrauchsinformation aufmerksam, ….und wenden sie sich bei Fragen bitte an ihren Professor oder Bibliothekar.” Dann folgen die “Zusammensetzung”  und die “Wirkungsweise” und unter “Anwendungsgebiete” lesen wir: “Bei akutem und chronischem Wissensdurst im Rahmen eines Hochschulstudiums, zur Belebung im Heimatkundeunterricht, für Hobby-Historiker”. Dann gibts die “Gegenanzeigen”, bei akuter Ost-Nostalgie soll das Buch nicht angewendet werden. Und besondere Vorsicht sei bei Lesern geboten, die nicht wüßten, wer General Wlassow gewesen wäre. Abschließend dann die “Nebenwirkungen”: In Abhängigkeit von der Empfindlichkieit des einzelnen Lesers könne es zu Verwirrungszuiständen und Ermüdungserscheinungen kommen. Also sowas ist nicht mal originell und höchst FAZ-unwürdig. Das ist nicht witzig und eine Beleidigung des Autors und der von ihm beschriebenen Zeit. Liebe Leser, laßt Euch unbedingt durch dieses Buch in die damalige Zeit zurückversetzen! Man sollte dieser Dame das Buch….., ja, das sollte man. ML

 

 

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