1812

Napoleons Feldzug in Russland

Beck München 2012    720 S.

ZAMOYSKI, Adam

1812

Wichtige Passagen

Es sind 25 Kapitel. Es ist ein Buch, das man am besten insgesamt von vorn bis hinten liest und nicht etwa eines nur zum Nachschlagen. Das macht die Sache anstrengend. Ich habe es tatsächlich ganz gelesen, zumal die spannende Erzählweise des Geschehens einen  nicht mehr losläßt. Dennoch muß man sich sowas von dieser Art Stoff einteilen, 20 oder 30 Seiten pro Tag, immer mal wieder dosiert hingegriffen……

Die ersten beiden Kapitel beschreiben einleitend die jeweiligen zwei Ausgangslagen, das fesselt von der ersten Seite an: Die Kanonen vor dem Invalidendom donnerten am Morgen des 20. März 1811, es war seit dem Vortag bekannt, daß bei der Kaiserin die Wehen eingesetzt hatten, einundzwanzig Schüsse würden die Geburt eines Mädchers anzeigen, hundert die eines Jungen, beim zweiundzwanzigsten Schuß brachen die Menschen in Paris in Jubel aus! Und was Rußland betrifft, wird uns eingangs von Katharina der Großen, Iwan dem Schrecklichen und Alexander berichtet, dem Gegenspieler Napoleons.

Die Schlacht um Moskau, das Geschehen nahe Borodino war damals das größte Massaker seit Menschengedenken und wurde erst wieder durch den ersten Tag der Schlacht an der Somme 1916 übertroffen. Die Beschreibung des Geschehens findet sich in Kapitel 12. Die französischen Truppen verloren hier 28.000 Mann, die Russischen Verluste waren mit rund 45.000 Mann verheerend. Kutusow – der russische Feldherr – mußte Napoleoan abschütteln und ihm einen Köder hinwerfen. Moskau wurde geopfert: “Moskau ist der Schwamm, der ihn aufsaugen wird.” Moskau war praktisch leer, als die Franzosen einrückten: “Nicht ein einziger hübscher Mädchenkopf ließ sich durch unsere Musik anlocken.” Es dauerte nicht lange und die Stadt stand in Flammen, die Russen steckten alles an, was den Franzosen von Nutzen sein konnte. Als Gefahr bestand, daß die großen Pulvervorräte im Kreml in die Luft flogen, bezog Napoleon sich durch brennende Straßen bewegend ein Schloß ausserhalb Moskaus, aber auch von dort hörte man “das Feuer gleich einem fernen Orkan brüllen”. Entsetzliche Szenen spielten sich ab, als das Feuer die Spitäler erreichte.

Von den übrigen Kapiteln will ich das 21. herausgreifen, das handelt vom Übergang über die Beresina, auf dem Rückzug. Der Fluß war breiter als vorher angenommen. Die Pontoniere wateten in das eisige Wasser bis in Halshöhe, viele verschwanden mit der Strömung oder erlagen der Unterkühlung. Für den Brückendamm nahm man die Dachlatten der Häuser. Als die Armee dann über den Fluß marschierte, führte die Masse und der Zustand der Brücke zu Gedränge, Pferde stürzten, Handgemenge folgten. Auf einer weiteren Brücke fuhren die Kanonen und Kutschen aller Art, auch hier kam es zu Verstopfungen und Gewaltausbrüchen, Pferde brachen sich die Beine zwischen den runden Bohlen, strampelnde Tiere wurden überfahren. Panik brach aus, ein wilder Ansturm auf die Brücken begann, die Menschen lenkten ihre Wagen und Pferede über die Leichen von Männern und Tieren…Gleichzeitig fand jede russische Granate ein Ziel. Wer schwach wurde, wurde zerstampft. Über viele Seiten werden unbeschreibliche Szenen geschildert.

Das Kapitel 24 handelt nicht nur von Napoleons Gesundheit, sondern auch von den noch starken preussischen Truppen unter General Ludwig Yorck von Wartenburg, “einem cholerischen preußischen Patrioten, der die Franzosen nicht mochte”, wie der Autor befindet. Hier erfahren wir die Vorgeschichte der “Konvention von Tauroggen”, die Preußen fielen hier von Napoleon ab. Yorcks Übertritt war das Signal gewesen, mit dem sich in Norddeutschland junge Männer darauf vorbereiteten, das französische Joch abzuwerfen, was in die folgenden Freiheitskriege mündete. (Für das Geschehen 1813 wird hier demnächst der Band von Andreas Platthaus “1813 – Die Völkerschlacht und das Ende der Alten Welt” vorgestellt. Beide Bände greifen geschichtlich ineinander).

 

Inhaltliche Zusammenfassung

Der 1812 mächtigste Mann der Welt überschritt am 22. Juni 1812 mit der Grande Armée den Njemen, rund 500.000 Mann, nur die Hälfte davon Franzosen, die übrigen Zwangsrekrutierte und Freiwillige aus Italien, Spanien, Portugal, Polen, Österreich und der Schweiz. Hinzu kamen die verbündeten deutschen Kontingente aus Preußen, Sachsen, Hannover, Württemberg, Bayern, Hessen und Westfalen. Der Krieg dauerte ein halbes Jahr, nur jeder sechste überlebte. Allein in der Schlacht von Borodino vor Moskau fielen 80.000, 30.000 dann in der Kältekatastrophe an der Beresina, schon auf dem Rückzug.

Zamoyski ging es darum, das Geschehen anhand der Berichte von Zeitgenossen genau nachzuerzählen. Die Offiziere und klügeren Rekruten schrieben damals viel. In diesen gesammelten montierten Beschreibungen liegt die Qualität des Buches.

Es geht hier also um erlebten Krieg, um seine geographischen, vor allem klimatischen, logistischen und hygienischen Bedingungen, Politik und Strategie bilden  hier nur einen Rahmen für dieses Werk, das bereits 2004 in englisch erschien und inzwischen in acht Sprachen übersetzt wurde.

Der Aufbruch 22.06.12 war natürlich auch damals schon zu spät, aber die Armee brauchte nun mal das Heu für die Pferde, sie lebte ja bereits auf dem Vormarsch aus dem Lande, die Pferde fraßen das Stroh von den Dächern. Und so geriet die Armee in den russischen Winter!

Viele Soldaten wurden schneeblind, der Speichel der Pferde fror an den Mäulern, manche Soldaten liefen direkt in die Lagerfeuer oder versuchten, sich in diese hinein zum Schlafen zu legen. Gliedmaßen und Fußsohlen fallen in diesem Buch von den kältetauben weitermarschierenden Menschenwesen ab, die schließlich auch anfangen, sich gegenseitig zu verspeisen. Es mussten noch lebende Pferde ausgeweidet werden, die toten würden sofort steinhart frieren. Soldaten, die ihre Hosen nicht mehr knöpfen können, weil die Finger abgefroren sind, lassen sich für die Notdurft Löcher in ihre Beinkleider schneiden. Sie schlagen Zähne in Pferedevenen, um Blut zu trinken. Zamoyski sagt, die Katastrophe legt den Kern der Menschen frei und dabei zeige sich, wie sie beschaffen seien. Das will uns der Autor nahebringen. Unvergeßlich die Beschreibungen des Übergangs über die Beresina, über die, die auf den Pontonbrücken zertrampelt wurden oder im eisigen Fluss ertranken. Wer sowas lesen will: Es ist wirklich alles ganz nah!

Entdeckte Rezensionen

Die Rezensionen sind zahlreich und überaus umfangreich, in einem solchen Falle wird mancher vielleicht nur eine Rezension lesen wollen, um halbwegs im Bilde zu sein. Für diesen Fall werden dem dem Thema zugeneigten Leser besonders empfohlen:

FAZ Thomas Speckmann 16.06.12: “Moskau war der Köder, und Napoleon schluckte ihn”

ganzseitig, mit einer Zeichnung einer Szene vom Rückzug von Graham Coton

FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG Andreas Kilb 11.03.12

“Kälter als der Tod” mit einer Zeichnung Napoleons auf der Anhöhe von Borodino, die Wassili Wassiljewitsch Werestschagin 1897 malte.

SZ Gustav Seibt “In der Polarnacht der Bestialität”  13.03.12

Mit einer Zeichnung der Reste der Grande Armee auf dem Rückzug (bpk/Kunstbibliothek, SMB)

Der Verfasser: “Napoleons kurzer Russlandfeldzug des Jahres 1812 wurde eine der

größten Katastrophen des 19. Jahrhunderts.Verfaßt unter Zuhilfenahme Hunderter Augenzeugenberichte”

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