Beitrag für die Zeitschrift “Wissenschaft und Frieden“
Die Bundeswehr ist keine Polizei
Seit Jahren taucht aus dem konservativen Lager immer
wieder der Vorschlag auf, die Bundeswehr auch im Inneren einzusetzen;
z.B. zur Abwehr illegaler Einwanderer an den Landesgrenzen oder - seit
den Anschlägen vom 11. September 2001 - zur Bekämpfung des Terrorismus.
Diesem Vorschlag steht unsere Verfassung entgegen. Danach
stellt der Bund Streitkräfte zur Verteidigung auf. Seit der verfassungsändernden
Auslegung des Bundesverfassungsgerichts vom 12. Juli 1994 bedeutet das
nicht nur Landesverteidigung, sondern auch Schutz deutscher Interessen
weltweit - bisher nur, wenn dem Einsatz ein UN-Beschluss vorausgegangen
ist und wenn der Deutsche Bundestag zugestimmt hat.
Die Sicherung der deutschen Grenzen gegen Schmuggel und
illegale Grenzübertritte, d.h. auch zur Verhinderung illegaler Einwanderung,
ist Aufgabe von Polizei und Bundesgrenzschutz; ebenso die Gefahrenabwehr
im Inneren, also der Kampf gegen den Terrorismus. Das ist auch richtig
so, denn die Soldaten der Bundeswehr sind zur Abwehr von Terrorakten im
Inneren ebenso ungeeignet wie zur weltweiten Terrorbekämpfung. Der
verdeckte Kampf von Terroristen unterläuft - wie das tägliche
Geschehen zeigt - die offene Kampfführung militärischer Einheiten.
Für das Aufspüren von Terroristen - auch das
belegen die regelmäßigen Erfolgsmeldungen - sind allein nationale
und internationale Polizei sowie Geheimdienste geeignet. Deren technische
und gegebenenfalls personelle Möglichkeiten müssen ausgebaut
werden, und die Zusammenarbeit der Dienste innerhalb der Staaten und zwischen
ihnen ist zu verbessern. Dass das einer angemessenen parlamentarischen
Kontrolle bedarf, ist für mich selbstverständlich.
Wir dürfen auch nicht übersehen, dass der Einsatz
von Militär oft dazu beiträgt, terroristische Aktivitäten
zu verstärken. Der israelisch-palästinensische Konflikt und
die fortlaufende Kette terroristischer Angriffe, wie z.B. in Afghanistan
und dem Irak, beweisen dies deutlich. Hinzu kommt, dass die Forderung
nach Militär zur Terrorismusbekämpfung im Inneren von dringend
erforderlichen zivilen Schutzmaßnahmen bei Atomkraftwerken, Chemieanlagen,
Wasserwerken usw. ablenkt.
Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass
es auch bei größten Anstrengungen keine absolute Sicherheit
geben wird! Unsere dicht besiedelte und hochtechnisierte Welt bleibt gegen
Terroranschläge verwundbar!
Auch der im „rot-grünen“ Entwurf des
Flugsicherheitsgesetzes vorgesehene Einsatz von Kampfflugzeugen gegen
Attentate mit gekaperten (Passagier-) Flugzeugen ist im Ernstfall wirkungslos.
Falls es Terroristen gelingt, sich Passagiermaschinen zu bemächtigen,
werden sie ohne „Sightseeing-Umwege“ vom Frankfurter Flughafen
direkt in die Frankfurter Bankhochhäuser, vom Düsseldorfer Flughafen
direkt in’s Mannesmann-Hochhaus oder von Berlin-Tegel direkt in’s
Sony-Center fliegen. Die Katastrophe wäre eingetreten, bevor die
bereitgehaltenen Kampfjets in der Luft sind!
Wirksame Hilfe gegen Terroranschläge bieten nur
vorbeugende politische, ökonomische und polizeiliche und technische
Schutzmaßnahmen.
Die besten Chancen, Terrorismus in unserem Land und weltweit
schrittweise abzubauen, haben Maßnahmen des politischen Ausgleichs,
des Dialogs zwischen allen Religionen und ethnischen Gruppen, und die
weitestmögliche Herstellung von innerstaatlicher wie weltweiter sozialer
Gerechtigkeit. Der größte Nährboden des Terrorismus ist
die total ungerechte Verteilung von Chancen zur Lebensgestaltung. Sie
schafft Hunger und Elend, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Hass und
bietet den Scharfmachern die Basis, „Menschen ohne Lebensperspektive“
für den geplanten Terrortod zu rekrutieren.
Der Ruf nach Militär zur Terrorabwehr trifft nicht
nur in’s Leere - er ist auch kontraproduktiv, denn (falls man ihm
folgt) bindet er viel Geld und Arbeitskraft, die sinnvoller eingesetzt
werden kann. Und er lenkt nicht nur ab, er behindert die Diskussion um
tatsächlich notwendige Maßnahmen zum Kampf gegen den Terrorismus.
Die Debatte um den Einsatz der Bundeswehr im Inneren
hat auch noch eine andere Dimension, die wir nicht übersehen dürfen:
Unter Umständen wird hier das Tor geöffnet für einen missbräuchlichen
- den politischen - Einsatz der Bundeswehr im Inneren. Das Grundgesetz
hat die Lehren aus der Weimarer Republik gezogen, als es auch deshalb
diesen Einsatz untersagte.
Helmuth Prieß, Oberstleutnant a.D., Sprecher des
Arbeitskreises DAMRSTÄDTER SIGNAL – eines friedenspolitischen
Zusammenschlusses aktiver und ehemaliger Bundeswehroffiziere und Unteroffiziere,
Träger des Gustav-Heinemann-Bürgerpreises und der Clara-Immerwahr-Auszeichnung
der IPPNW.
|