Coesfeld: ein unerklärlicher „Einzelfall“?
Jeder Fall ist ein Einzelfall. So steht Coesfeld in der Reihe
der „Einzelfälle“ von Nagolt, über Hammelburg bis Schneeberg.
Und jährlich berichtet der Wehrbeauftragte in seinen Jahres- berichten
von „Einzelfällen“ rechtswidrigen, menschenunwürdigen
Verhaltens von einzelnen Vorgesetzten.
Natürlich sind die Vorgänge von Coesfeld kein Beleg
dafür, dass überall in der Truppe der gleiche Geist herrscht. Die
im Arbeitskreis DARMSTÄDTER SIGNAL zusammengeschlossenen aktiven und ehemaligen
Offiziere und Unteroffiziere der Bundeswehr sind davon überzeugt, dass
die Probleme tiefer stecken; denn
- ... wie ist es möglich, dass der zuständige Kompaniechef und
sein gesamtes Unteroffizierkorps über Monate derartige Sauereien betreiben,
ohne dass auch nur einer Bedenken hat und sie dienstlich äußert?
- ... wie ist es möglich, dass ein großer Teil der in der Kaserne
stationierten Soldaten, die in Kantinen und Gemeinschaftsräumen über
solche Vorgänge sprechen, ebenfalls nicht aufmuckte? Warum machten
sie von ihrem Recht auf dienstliche Beschwerde oder der Eingabe an den Wehrbeauftragten
keinen Gebrauch?
- ... wie ist es möglich, dass der Bataillonskommandeur von diesen
wiederholt stattfindenden Schweinereien nichts wusste?
- ... was ist davon zu halten, dass den schikanierten Soldaten unter Androhung
disziplinarer Strafen untersagt wurde, außerhalb der Kaserne über
die erlebten Schweinereien zu sprechen?
- ... was für ein Geist und was für eine Vorstellungswelt muss
bestehen, dass derartige Dienstvergehen erst durch einen reinen Zufall aufgedeckt
werden?
- ... und was ist davon zu halten, dass die Vorgänge an die zuständige
Staatsanwaltschaft abgegeben wurden, sich das Heeresführungskommando
und der Verteidigungsminister aber erst nach einem Spiegelartikel einen
Monat später genötigt sehen, die Öffentlichkeit zu informieren?
Wir schlagen folgende Maßnahmen zur Verhinderung derartiger
Entgleisungen vor:
- Das in vielen Truppenteilen vorherrschende Droh- und Drucksystem muss
verschwinden! Die Ausbildungsrichtlinien sind zu überarbeiten.
- Verbesserung der Rechtsausbildung: Die Untergebenen sind über ihre
Rechte gründlich zu informieren und zu deren Wahrnehmung zu ermuntern!
- Die Ausbildung der Vorgesetzten muss deren Pflichten und den Rechtsrahmen
ihres Handelns deutlicher machen! Die Pflichterfüllung ist in und durch
alle militärischen Ebenen intensiver zu kontrollieren!
- Die Bundeswehr muss sich gegenüber der Öffentlichkeit und besonders
gegenüber den Medien endlich öffnen – die regelmäßige
Blockade kritischer Berichterstattung schadet der Bundeswehr.
- Verteidigungsminister Peter Struck: „Wir verteidigen unsere Freiheit
auch am Hindukusch“. So haben sich die Bilder von Unruhen und Krieg
mit Hinterhalt, Unterdrückung, Folter und Mord in den Köpfen vieler
Soldaten festgesetzt. In einem ständigen Informations- und Reflektionsprozess
muss Soldaten der Bundeswehr klar gemacht werden, dass diese Bilder in der
allgemeinen militärischen Ausbildung zwischen Husum und Füssen
nichts zu suchen haben!
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